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Wussten Sie schon, dass...?

An dieser Stelle berichten Wissenschaftler des ISS regelmäßig über aktuelle Forschungsergebnisse.

Januar, 2018

Die Soziologie befasst sich seit langem mit der Vererbung sozialer Ungleichheiten (z.B. Bildungschancen) von einer Generation zur nächsten. Ebenso konnte die demographische Forschung zeigen, dass sich z.B. das Geburtenverhalten oder Scheidungsrisiken der Elterngeneration auf entsprechende Verhaltensweisen der Kinder auswirkt. Bislang kaum untersucht wurde jedoch die für die Familienforschung relevante Frage, inwieweit auch die Qualität von Eltern-Kind-Beziehungen „vererbt“ wird.

Diesem Thema ist ISS-Forscher Karsten Hank zusammen mit Veronika Salzburger und Merril Silverstein in einer Untersuchung auf Basis des Beziehungs- und Familienentwicklungspanels pairfam nachgegangen. Die Autoren nutzten dabei das so genannte Multi-Aktor-Design des pairfam, das es erlaubt, Informationen über drei Generationen in einer Familie auszuwerten: die jüngste Generation von Kindern, die zum Befragungszeitpunkt 16-18 Jahre alt waren, berichtet hier über die Beziehungsqualität zur mittleren Generation, und diese gibt Auskunft über die Qualität ihrer Beziehung zur ältesten Generation. Konkret wurden drei Dimensionen der Beziehungsqualität betrachtet: die emotionale Nähe, die Konflikthäufigkeit, und die Ambivalenz (also die Gleichzeitigkeit von Nähe und Konflikten).

Die Studie zeigt, dass wenn größere emotionale Nähe, häufigere Konflikte und ein höheres Maß an Ambivalenz zwischen Eltern und Kindern in der älteren Generation beobachtet werden, sich dieses Muster in der gleichen Familie überzufällig häufig auch in den Eltern-Kind-Beziehungen der jüngeren Generation findet. Diesen Befund interpretieren die Autoren als Hinweis darauf, dass sich die Beziehungsqualität über Generationen hinweg „vererbt“. Weiterführende Analysen, die nach dem Geschlecht der Familienmitglieder differenzieren, deuten darauf hin, dass diese Art der intergenerationalen Transmission insbesondere von Großvätern ausgeht.

Während die geschlechtsspezifischen Befunde einer weiteren Klärung bedürfen, zeigt die Studie insgesamt, dass für ein umfassendes Verständnis von Eltern-Kind-Beziehungen eine Perspektive wichtig ist, die Familien als multigenerationale Systeme begreift.

Dezember, 2017

Vor dem Hintergrund steigender Lebenserwartung gewinnt die Frage, welche Faktoren den Erhalt kognitiver Fähigkeiten bis ins hohe Alter vorhersagen, zunehmend an Bedeutung. Zu den kognitiven Fähigkeiten zählen beispielsweise das Erinnerungsvermögen, das logische Denken und die Geschwindigkeit, mit der Informationen verarbeitet werden können. Als förderlich für den Erhalt dieser Fähigkeiten gelten gemeinhin körperliche Betätigung sowie soziale und intellektuelle Aktivitäten. Außerdem wird spekuliert, dass die Möglichkeiten zur Ausübung dieser Aktivitäten auch von der Wohngegend mitbestimmt werden.

Aus diesem Grund untersuchten die ISS-Wissenschaftler Jonathan Wörn und Lea Ellwardt gemeinsam mit Kollegen aus Amsterdam und Oslo, inwiefern der sozioökonomische Status und der Grad der Verstädterung einer Wohngegend in Zusammenhang mit den kognitiven Fähigkeiten ihrer älteren Einwohner stehen.

Hierzu nutzen die Wissenschaftler Informationen zum durchschnittlichen Einkommen und zur Dichte der Wohn- und Geschäftsadressen 63 niederländischer Wohngegenden. Diese verknüpften sie mit Daten von 985 Bewohnern dieser Wohngegenden, die an der Longitudinal Aging Study Amsterdam (LASA) teilnahmen, um zu analysieren, wie sich verschiedene kognitive Fähigkeiten von 65- bis 88-jährigen Personen innerhalb eines Zeitraums von sechs Jahren entwickelten.

Den Ergebnissen der Studie zufolge waren zwei der vier untersuchten kognitiven Fähigkeiten bei älteren Bewohnern von Wohngegenden mit einem höheren Durchschnittseinkommen besser ausgeprägt. Die Unterschiede zwischen den Wohngegenden wurden jedoch nicht durch die Wohngegenden verursacht, sondern konnten durch die höhere Bildung und das höhere individuelle Einkommen dieser Personen erklärt werden. Diese beiden Faktoren stehen zum einen in positivem Zusammenhang mit den kognitiven Fähigkeiten und erhöhen zum anderen die Wahrscheinlichkeit, in einer Wohngegend mit höherem Durchschnittseinkommen zu leben.

Außerdem hatten ältere Personen in stärker verstädterten Wohngegenden bessere kognitive Fähigkeiten. Diesen Befund erklärten die Wissenschaftler damit, dass die alltäglichen Anforderungen in stärker verstädterten Wohngegenden ein alltägliches kognitives Training darstellen, beispielsweise durch die Vielzahl an Informationen, die bei der Teilnahme am geschäftigen Straßenverkehr verarbeitet werden müssen. Allerdings könne dieser Effekt in sehr stark verstädterten Wohngegenden auch ins Gegenteil umschlagen und durch Überforderung zu schlechteren kognitiven Fähigkeiten führen.
Da die Abnahme kognitiver Fähigkeiten im beobachteten Zeitraum unabhängig von den untersuchten Eigenschaften der Wohngegend war, müssen die Unterschiede zwischen Personen in stärker und weniger stark verstädterten Gegenden nach Ansicht der Wissenschaftler bereits in früheren Lebensjahren zustande gekommen sein.

Insgesamt waren die beobachteten Unterschiede zwischen den Wohngegenden relativ gering. Dementsprechend empfehlen die Wissenschaftler, dass sich eventuelle Maßnahmen zum Erhalt kognitiver Fähigkeiten an den Bedürfnissen von Individuen orientieren sollten.

November, 2017

Gibt es eine allgemeine abschreckende Wirkung von Strafe, die junge Menschen von strafbaren Handlungen abhält? Bisherige Untersuchen scheinen dies zumindest teilweise für die Bestrafungswahrscheinlichkeit nachzuweisen, also für das von jungen Menschen wahrgenommene Risiko für eine strafbare Handlung sanktioniert zu werden. Sozialwissenschaftler erklären dies (vereinfacht) mit einem Abwägungsprozess, der die Eintrittswahrscheinlichkeit und Intensität möglicher Handlungskonsequenzen (als Kosten) sowie den durch die strafbare Handlung erlangten Vorteil (als Nutzen) berücksichtigt. Übersteigen die Kosten den Nutzen, so werden sich junge Menschen gegen die strafbare Handlung entscheiden. Demnach kann eine Erhöhung des wahrgenommenen Entdeckungs- oder Bestrafungsrisikos eine abschreckende Wirkung auf das Verhalten haben. Es ist aber noch ein umgekehrtes Phänomen beobachtbar: in der Folge der Ausübung strafbarer Handlungen lernen junge Menschen wie hoch das Risiko für eine Entdeckung oder Bestrafung tatsächlich ist. Persönliche Erfahrungen mit Kriminalität führen also zu einer realistischeren Risikoeinschätzung. Überwiegt nun aber der Abschreckungs- oder der Erfahrungseffekt?

ISS Forscher Daniel Seddig und seine Kollegen Helmut Hirtenlehner (Universität Linz) und Jost Reinecke (Universität Bielefeld) untersuchten diese Frage in einer Studie mit 1950 befragten Jugendlichen aus Duisburg. Dazu wurden dieselben Jugendlichen über mehrere Jahre hinweg zu denselben Themen befragt (Panelstudie). Die Ergebnisse der statistischen Analysen deuten auf die Dominanz von Erfahrungseffekten hin. Eine systematische Abschreckungswirkung von wahrgenommenen Sanktionierungsrisiken konnte nicht nachgewiesen werden.

Da einfache (strafbare) Handlungen sehr oft automatisch und spontan erfolgen, sollten die Erwartungen an die Wirkung von (gerichtlichen) Sanktionsandrohungen daher nicht überhöht werden. Die Studie konnte allerdings nicht ausschließen, dass unter Umständen nicht doch (kleine) Subgruppen von Menschen auf Strafdrohungen ansprechen.

Oktober, 2017

Gänzlich neu ist der Ansatz allerdings nicht. Bereits im 19. Jahrhundert konnte Ernst Engel (1857) einen Zusammenhang zwischen der Höhe des Einkommens und der Ausgabenverteilung auf verschiedene Konsumgüter nachweisen: Je höher der Ausgabenanteil für Nahrungsmittel, umso ärmer ist der Haushalt. Hermann Schwabe (1868) konnte einen ähnlichen Zusammenhang für die Wohnungsausgaben feststellen. Im Bereich der Sozialstrukturanalyse wurde bereits in frühen Jahren diskutiert, inwiefern der Konsum gegenüber der Erwerbsarbeit eine eigenständige soziale Differenzierungsfunktion erfüllt. Pierre Bourdieu (1982) spricht beispielsweise von der Konsum- und Freizeitsphäre als entscheidendem Faktor für die Reproduktion von Klassenstrukturen. Während die Art der Einkommensverwendung vor allem im Zusammenhang mit verschiedenen Untersuchungen rund um das Thema Lebensstil immer wieder Verwendung findet, wurde der Ansatz, Konsumausgaben als Wohlstandsindikator zu verwenden, zumindest für Deutschland nicht weiterverfolgt. Im internationalen Kontext finden sich einige empirische Studien, die die Konsumausgaben zur Messung von Armut und Ungleichheit verwenden und darlegen, warum Konsumausgaben im Vergleich zum Einkommen den adäquateren Wohlstandsindikator darstellen. Dass dieses Thema in Deutschland so wenig Beachtung findet, liegt zu einem Großteil darin begründet, dass es lange an aussagekräftigen und repräsentativen Datengrundlagen mangelte. Durch die Bereitstellung der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe, einer detaillierten amtlichen Statistik zu den Einnahmen und Ausgaben von über 60.000 Haushalten in Deutschland, hat sich die Dateninfrastruktur für die Wissenschaft jedoch deutlich verbessert.

Auf dieser Basis untersuchte Katharina Hörstermann in einem DFG-Forschungsprojekt zusammen mit Prof. Dr. Hans-Jürgen Andreß Unterschiede zwischen einer einkommens- und konsumbasierten Armuts- und Ungleichheitsanalyse. Die Ergebnisse ihrer Studie stimmen weitestgehend mit denen aus der internationalen Forschung überein: Sowohl die konsumbasierten Armuts- als auch Ungleichheitsmaße liegen unter dem Niveau der einkommensbasierten. Auch decken sich die Populationen der Einkommens- und Konsumarmen nur teilweise, wobei die Übereinstimmung im Laufe der Zeit zugenommen hat. Die Konsumarmen unterscheiden sich von den Einkommensarmen insbesondere hinsichtlich ihres Vermögens mit einer hohen Eigentümer- und Schuldnerquote.

September, 2017

ISS-Forscherin Sarah Carol und ihre Kollegin Nadja Milewski von der Universität Rostock untersuchten die Einstellungen zu Abtreibungen in Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und der Schweiz. Ihre Analysen basieren auf der EURISLAM-Umfrage unter mehr als 5.000 Menschen sowohl ohne Migrationshintergrund als auch mit jugoslawischem, türkischem, marokkanischem und pakistanischem Migrationshintergrund und mindestens einem muslimischen Elternteil.

Die Studie zeigt, dass berücksichtigt für Geschlecht, Alter und Bildungsgrad der Befragten, die Einstellungen gegenüber Abtreibung über verschiedene westeuropäische Länder variieren. Menschen in Deutschland lehnen Abtreibung signifikant stärker ab als beispielsweise jene in Frankreich, obwohl die gesetzlichen Regelungen zu Abtreibungen gar nicht so unterschiedlich sind im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern. Die Einstellungen der Menschen aus Belgien, Großbritannien und der Schweiz liegen dazwischen. 

Hierbei sind jedoch Unterschiede in der Zustimmung zu Abtreibung zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zu beobachten. Während fast jeder fünfte Mensch mit Migrationshintergrund Abtreibung befürwortet, befürwortet jeder zweite Mensch ohne Migrationshintergrund Abtreibung. Zum Teil lassen sich die Länder- und Gruppenunterschiede durch Religiosität erklären. Trotzdem klaffen in Frankreich die Einstellungen gegenüber Abtreibung von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund besonders stark auseinander. Im westeuropäischen Vergleich sind Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Frankreich jedoch die stärksten Befürworter von Abtreibung. Die ähnlichen Länderunterschiede bei Menschen mit und ohne Migrationshintergrund könnten auf eine Assimilation hindeuten.

August, 2017

Heutzutage erwarten Menschen ein hohes Maß an emotionaler Verbundenheit und partnerschaftlicher Kommunikation von ihrer Ehe, während sie gleichzeitig großen Wert auf die Wahrung ihrer persönlichen Autonomie legen. Bisweilen geht man davon aus, dass solch ein Wandel zur individualisierten Ehe eine Erklärung für steigende Scheidungsraten sei. Erwartungen an die emotionale Gratifikation durch eine Partnerschaft seien unrealistisch hoch, flexible Rollen und häufige Aushandlungsprozesse würden die Beziehungsqualität erodieren und mehr persönliche Freiheit würde die Trennungskosten reduzieren.

Die ISS-ForscherInnen Nicole Hiekel und Michael Wagner werteten Daten des Deutsche Familienpanels (pairfam) aus und untersuchten den Zusammenhang zwischen Ehepraktiken, die den Grad der Individualisierung einer Ehe abbilden, und dem individuellen Scheidungsrisiko. Rund 3.000 Männer und Frauen, die zum Zeitpunkt der ersten Befragung (2008) zwischen einem und zwanzig Jahren verheiratet waren, wurden bis zu sieben weitere Ehejahre lang beobachtet, in denen ungefähr jede achte dieser Ehen aufgelöst wurde.

Die noch unveröffentlichte Studie zeigt, dass individualisierte Ehepraktiken in der untersuchten Stichprobe recht verbreitet sind. Verheirate Männer und Frauen in Deutschland berichten ein hohes Ausmaß an erlebter emotionaler Zuneigung und Wertschätzung (Intimität), persönlichem Freiraum (Autonomie) sowie Konfliktdiskurse auf Augenhöhe (Demokratie). Solche individualisierten Ehepraktiken hängen zum Teil mit dem Trennungsrisiko zusammen. Paare, die ein höheres Maß Intimität berichten, haben ein deutlich reduziertes Trennungsrisiko. Dieser Zusammenhang ist umso stärker, je länger das Paar verheiratet ist Höhere Autonomie hängt nicht mit dem Trennungsrisiko zusammen. Paare, deren Konfliktlösungsstrategie durch ein höheres Ausmaß an Demokratie gekennzeichnet ist, das heißt, in denen dominantes sowie unterwerfendes Verhalten seltener vorkommen, haben ein deutlich reduziertes Trennungsrisiko soweit sie zum Zeitpunkt der ersten Befragung schon länger verheiratet sind. Diese Befunde suggerieren, dass Paare mit individualisierten Ehepraktiken, die ihre Wertschätzung füreinander sowohl in Momenten der Intimität als auch des Konflikts erfolgreich praktizieren, stabilere Ehen haben, besonders wenn ihre Ehe schon länger besteht.

Juli, 2017

Das Konsummuster, d.h. die Art der Aufteilung der Gesamtausgaben auf unterschiedliche Konsumkategorien, gilt im Allgemeinen als Abbild des Lebensstils einer Person. Jede Person muss einen bestimmten Teil ihrer Ausgaben in die Sicherung ihrer Grundbedürfnisse investieren. Den Rest des verfügbaren Einkommens kann sie entweder sparen oder zusätzlich je nach Präferenz für verschiedene Konsumzwecke ausgeben. Umstritten ist in diesem Zusammenhang schon seit Längerem die Frage, welche Faktoren das Konsummuster einer Person beeinflussen. Auf der einen Seite wird argumentiert, dass soziodemografische Merkmale, und dabei insbesondere das Einkommen, maßgeblich bestimmen, wie wir konsumieren. Auf der anderen Seite wird darauf verwiesen, dass durch die Auflösung traditioneller Bindungen und die allgemeine Steigerung des Lebensstandards die Wahlmöglichkeiten zur individuellen Lebensgestaltung zugenommen hätten und sich der bindende Charakter rollenspezifischer Konsumnormen zunehmend auflöse. Dies resultiere wiederum in einem Verfall homogener, schichtspezifischer Konsumstile und einer Entschichtung der Konsumausgaben. 

Katharina Hörstermann untersuchte in einem DFG-Forschungsprojekt zusammen mit Prof. Dr. Hans-Jürgen Andreß die Konsumstruktur der Jahre 1978 und 2008 in Deutschland mit den Daten der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe. In einer in diesem Zusammenhang entstandenen Studie konnten sie einen Wandel der Konsumstruktur diagnostizieren, der von einem Rückgang der anteiligen Ausgaben für Nahrungs- und Genussmittel, Bekleidung und Schuhe sowie Möbel und Hausrat und einen entsprechenden Anstieg bei Wohnen, Gesundheit und Körperpflege, Verkehr und Nachrichten sowie Bildung und Freizeit geprägt ist. Sie untersuchten im Folgenden, ob die Veränderungen in der Alters- und Einkommensverteilung sowie der durchschnittlichen Haushaltsgröße in Deutschland zwischen 1978 und 2008 den Wandel der Konsumstruktur erklären können.

Ein deskriptiver Vergleich der Konsumstrukturen verschiedener Geburtskohorten bei Kontrolle der Altersklasse, des Einkommensquintils sowie der Haushaltsgröße zeigte dabei unterschiedliche Konsummuster der einzelnen Kohorten, die nicht auf Alters-, Einkommens- oder Haushaltsgrößenunterschiede zurückgeführt werden können. Die Ergebnisse einer Dekompositionsanalyse, bei der die Verteilung von Alter, Einkommen und Haushaltsgröße zwischen 1978 und 2008 konstant gehalten wurde, bestätigten dieses Ergebnis: Die soziodemografischen Veränderungen sind nicht in der Lage, die Verschiebungen in den Ausgabenanteilen der Konsumkategorien zu erklären. Vielmehr scheint es so, als dass die Personen mehr Möglichkeiten besitzen, ihr Ausgabenprofil stärker nach den eigenen Präferenzen auszurichten.

Juni, 2017

Die Genossenschaftsidee wurde am 30.November 2016 in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba in die Liste des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen - ein großer Erfolg für die weltweite Genossenschaftsbewegung und für die deutsche Genossenschaftspraxis, die den Antrag einbrachte. Allein in Deutschland gibt es über 22 Mio. Mitgliedschaften in Genossenschaften, weltweit werden über 800 Mio. Mitglieder in über 100 Ländern gezählt. Mit „Genossenschaften“ werden Wirtschafts- und Rechtsformen bezeichnet, die den Prinzipien der gemeinsamen Selbsthilfe (Förderzeck), der Selbstverantwortung sowie der Selbstverwaltung (ausschließlich Mitglieder wirken mit in den Organen Vorstand, Aufsichtsrat und MV) unterliegen. In Genossenschaften hat jedes Mitglied – unabhängig von der Höhe des eingebrachten Kapitals – im Grundsatz eine Stimme, die auf den Mitglieder- oder Vertreterversammlungen zählen. Das Förderprinzip, das auf die Förderung der Mitglieder ausgerichtet ist, sorgt dafür, dass Marktgegenseiten in der Genossenschaft überwunden werden: Mitglieder sind die Wohnungsnutzer und Eigentümer der Wohnungsanlage zugleich, Mitgliedern gehört die Bank und sie sind zugleich die Kunden, den Lesern der taz gehört zugleich die Tageszeitung. Im Jahr 2012 feierte die UN das Internationale Jahr der Genossenschaften. Zu den wichtigen Pionieren des modernen Genossenschaftswesens in Deutschland des 19. Jahrhunderts sind Hermann Schulze-Delitzsch sowie Friedrich Wilhelm Raiffeisen zu zählen. Der liberale Jurist und Politiker Hermann Schulze-Delitzsch konzipierte maßgeblich das Genossenschaftsgesetz sowie vor allem die Genossenschaften für Gewerbetreibende und Handwerker in städtischen Regionen wie auch die Volksbanken. Das ländliche Genossenschaftswesen ist vor allem von dem pietistisch-orientierten Tatchristen und Bürgermeister verschiedener Orte im Westerwald, Friedrich Wilhelm Raiffeisen, geprägt. Noch viele Jahrzehnte währte die Auseinandersetzung über die „richtige“ Genossenschaftskonzeption, welche in der Literatur als „Systemstreit“ eingegangen ist. Heute ist in Deutschland nicht mehr viel von den Unterschieden zwischen Schulze-Delitzsch- und Raiffeisengenossenschaften bemerkbar – gleichwohl sind diese z.B. in Österreich noch sehr deutlich identifizierbar. Beide Konzeptionen – wie auch die Genossenschaftskonzeption der ersten Konsumgenossenschaft der Rochdaler Pioniere durch die International Cooperative Alliance – verbreiteten sich weltweit. und wird von vielen gesellschaftlichen Akteuren aufgegriffen in nahezu allen Branchen. Gerade in jüngster Zeit ist in Deutschland eine deutliche Zunahme der Neugründungen von Genossenschaften zu vermerken. Nicht selten spielt bei diesen Neugründungen starkes ehrenamtliches Engagement eine große Rolle, um Projekte mit bürgerschaftlichem Engagement voranzubringen. Am ISS widmet sich das Seminar für Genossenschaftswesen der Erforschung der Theorie und Praxis von Genossenschaften.

Mai, 2017

Die eine Nachbarin dreht nachts laut die Musik auf, ein anderer blockiert ständig mit seinem Wagen die Ausfahrt. In Städten vergeht kein Tag ohne Nachbarschaftskonflikte. ISS-Forscher Merlin Schaeffer und sein Kollege Joscha Legewie von der Yale University haben in einer Studie herausgefunden, dass es in Städten mit hoher ethnischer Segregation häufiger zu Streit kommt, insbesondere wenn die Grenzen zwischen zwei homogenen Gruppen nicht klar definiert sind. Zu dem Ergebnis sind sie gekommen, nachdem sie 4,7 Millionen Nachbarschaftsbeschwerden der Stadt New York ausgewertet haben.

Mit New York City wählten die beiden Wissenschaftler für ihre Studie eine Stadt mit einer vergleichsweise hohen Segregation. So gibt es etwa von Weißen bewohnte Gebiete, die vollständig von Häuserblöcken mit afro-amerikanischen Anwohner/innen umgeben sind. Zu Nachbarschaftskonflikten kommt es in diesen Gebieten vor allem dort, wo die Grenze zwischen den beiden ethnischen Gruppen unscharf verläuft. Die Zahl der Beschwerden ist hier um ca. 26 Prozent höher als in Gegenenden, in denen klare Grenzen zwischen den Gruppen existieren oder wo es aufgrund ethnischer Homogenität gar keine Grenzen gibt. Ihre Begründung: Segregation befördert ethnische Gruppenidentitäten und damit auch das Gefühl eines Territorialanspruchs, der gerade an unscharfen Grenzen für Konflikte sorgt. In gut durchmischten Städten gibt es dieses Phänomen eher nicht, denn erst das Vorhandensein von Segregation schafft die Voraussetzung für Grenzkonflikte.

Die Nachbarschaftsgrenzen definierten Schaeffer und Legewie mit Hilfe von Algorithmen zur sogenannten Kantendetektion. Solche Algorithmen kommen unter anderem bei der Entwicklung von selbstfahrenden Fahrzeugen zum Einsatz, die dadurch die Ränder von Objekten erkennen. Schaeffer und Legewie analysierten mit Hilfe solcher Algorithmen die Bevölkerungsdaten der Stadt New York und machten die Grenzverläufe zwischen ethnisch homogenen Nachbarschaftsverläufen sichtbar. Mithilfe dieser Methode konnten sie erkennen, wo die Grenzen zwischen ethnischen Gruppen scharf beziehungsweise unscharf verlaufen.

Wie häufig es in einem bestimmten Gebiet zu Nachbarschafskonflikten kommt, fanden die Wissenschaftler anhand der Anrufe heraus, die bei der New Yorker Behördenhotline 311 eingegangen sind. Vergleichbar mit dem Ordnungsamt in Deutschland nimmt diese Hotline Beschwerden von Anwohner/innen entgegen. Schaeffer und sein Kollege werteten die Ortsdaten von insgesamt 4,7 Millionen Anrufen aus, die im Jahr 2010 bei der Nummer 311 eingegangen sind. Die häufigsten Beschwerdegründe waren zugeparkte Ausfahrten, Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit, Lärmbelästigung durch Musik sowie illegale Untervermietung von Wohnraum.

April, 2017

Wie kann Integration gelingen? Die Suche nach Antworten führt in Deutschland oftmals zu den Wohnorten von Zugewanderten und ihren Nachkommen. Weitverbreitet ist die Sorge um das Entstehen von Stadtvierteln, in denen Zugewanderte weitgehend isoliert von der Mehrheitsgesellschaft leben und aufwachsen. Gleichzeitig herrscht die Hoffnung, dass räumliche Nähe zur Mehrheitsgesellschaft auch vermehrten sozialen Kontakt mit sich bringt.

Der empirische Forschungsstand hierzu vermittelt jedoch ein unklares Bild. Viele Studien finden einen deutlichen Zusammenhang zwischen räumlicher Nähe und sozialen Kontakten der Zugewanderten zur Mehrheitsgesellschaft. Andere Untersuchungen zeigen keinen starken Zusammenhang. Unklar scheint darum, für wen genau der Wohnort entscheidend bei der sozialen Integration ist und für wen nicht. Ebenso ungeklärt ist, warum diese Unterschiede existieren.

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, untersuchte ISS-Forscher Hanno Kruse in einem kürzlich erschienenen Artikel die Freundschaftswahlen jugendlicher Zugewanderter und ihrer Nachkommen in Deutschland. Dabei kombinierte er Informationen aus dem „Children of Immigrants Longitudinal Survey in Four European Countries (CILS4EU)“ mit kleinräumigen Kontextinformationen eines Geomarketingunternehmens, wodurch eine genaue Überprüfung des Zusammenhangs von Freundschafts- und Nachbarschaftskompositionen junger Zugewanderter in Deutschland möglich wurde.

Es zeigte sich, dass der Zusammenhang zwischen Nachbarschafts- und Freundschaftszusammensetzung stark von der sozialen Herkunft der jungen Zugewanderten abhängt: Bei höherem sozialen Hintergrund führt räumliche Nähe zu Deutschen auch zu mehr Freundschaften mit ihnen. Bei niedrigem sozialen Hintergrund ist dieser Zusammenhang schwächer. Dies liegt nicht etwa daran, dass die verschiedenen sozialen Schichten in unterschiedlich starkem Ausmaß Freundschaften in ihrer direkten Nachbarschaft bilden. Stattdessen legen die Ergebnisse nahe, dass 1) Unterschiede in den Kontaktmöglichkeiten zu Deutschen verantwortlich sind: Jugendliche höherer sozialer Herkunft besuchen, unabhängig von ihrem Wohnort, grundsätzlich Schulen mit höherem Deutschenanteil. Zudem deuten die Analysen darauf hin, dass 2) Zugewanderte mit höherer sozialer Herkunft ihre Kontaktmöglichkeiten zu Deutschen eher in Freundschaften umwandeln. Zusammengefasst scheint die räumliche Nähe zur Mehrheitsgesellschaft somit tatsächlich eine notwendige Voraussetzung für eine gelungene Sozialintegration junger Zugewanderter in Deutschland zu sein. Ein Allheilmittel für alle Jugendlichen, gleich welcher sozialen Herkunft, ist sie jedoch nicht.