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Wußten Sie schon, dass …?

Archiv 2016

Wussten Sie schon, dass der Glaube an wissenschaftlichen Fortschritt zufriedener mit dem Leben macht, als der Glaube an Gott?

Dezember, 2016

Religiosität macht zufrieden – das ist in zahlreichen Studien nachgewiesen worden. Der Glaube an eine höhere Macht hilft, auch dann ein Gefühl von Kontrolle zu bewahren, wenn es im Hier und Jetzt chaotisch zugeht. Er verhindert Existenzängste, indem er die Welt ordnet und vorhersagbar macht.

Aber in modernen Gesellschaften glauben immer weniger Menschen an Gott. Wer ernsthaft krank wurde, der betete früher zum Allmächtigen – heute vertrauen zumindest in westlichen Ländern viele Patienten lieber auf die moderne Medizin. Für Sozialwissenschaftler ist es eine spannende Frage, wie sich dieser Wandel auswirkt.

Kann der Glaube an wissenschaftlichen und technischen Fortschritt Menschen ein Gefühl von Kontrolle vermitteln, so wie es die Religion kann, und sie so zufrieden und glücklich machen? Diese Frage haben Olga Stavrova, Daniel Ehlebracht und Detlef Fetchenhauer in einem Artikel untersucht, für den sie Daten aus zwei repräsentativen internationalen Bevölkerungsstichproben analysierten.

Zunächst zeigten die AutorInnen, dass Niederländer tendenziell zufriedener mit ihrem Leben waren, je mehr sie an den Fortschritt von Wissenschaft und Technik glaubten. Ob sie religiös waren, spielte eine deutlich kleinere Rolle. Dieser Zusammenhang ließ sich zum Teil dadurch erklären, dass vom Fortschritt überzeugte Menschen das Gefühl hatten, ihr Leben unter Kontrolle zu haben.

Allerdings sind die Niederlande ein eher säkulares Land – und die AutorInnen vermuteten, dass Fortschrittsglaube Menschen vor allem dann zufrieden macht, wenn sie in Gesellschaften leben, in denen er vergleichsweise verbreitet ist. Denn wir fühlen uns besonders dann gut, wenn andere um uns herum die Welt so wahrnehmen wie wir selbst: Das erleichtert den sozialen Umgang und gibt uns das Gefühl, mit unseren Sichtweisen richtigzuliegen.

Also testeten die AutorInnen das Ergebnis zudem mit Daten aus 72 Ländern. In 69 von ihnen fanden sie einen deutlichen positiven Zusammenhang zwischen dem Glauben an den Fortschritt und Lebenszufriedenheit, während Religiosität nur in 23 der untersuchten Länder positiv und in zehn Ländern sogar negativ mit Lebenszufriedenheit zusammenhing.

Erneut hatten fortschrittsgläubige Menschen eher das Gefühl, ihr Leben kontrollieren zu können; und tatsächlich waren sie vor allem dann zufriedener mit ihrem Leben, wenn viele ihrer Mitbürger ihren Glauben an den Fortschritt von Wissenschaft und Technik teilten. Es kommt also nicht nur darauf an, was wir glauben – sondern auch, wo wir es glauben. Glücklich machen kann jedenfalls nicht nur der Glaube an Gott.

Wussten Sie schon, dass die Zusammensetzung der sozialen Kontakte im Alter die Lebenserwartung beeinflusst?

November, 2016

Starke soziale Partizipation und die Integration in soziale Beziehungsgeflechte gelten allgemeinhin als gesundheitsfördernd. So zeigten zahlreiche Studien bereits einen Zusammenhang mit geringerer Sterblichkeit und demzufolge höherer Lebenserwartung im Alter. Vieler dieser Studien beziehen sich auf Familiennetzwerke. Weniger bekannt ist hingegen über den Einfluss von sozialer Integration in außerfamiliäre Netzwerke, also Kontakte außerhalb der Familie zu Freunden, Nachbarn oder Kollegen.

ISS-Forscherin Lea Ellwardt hat diesen Einfluss gemeinsam mit Kollegen der Freien Universität Amsterdam und des NOVA Institutes in Oslo genauer untersucht. Die Forscher vermuteten dabei, dass eine komplexe Zusammensetzung der Kontakte in außerfamiliären Netzwerken die Überlebenschancen im Alter steigert: Netzwerke sollten nicht nur groß, sondern auch vielfältig in ihrer Zusammensetzung sein, da diese potentiell viele verschiedenartige Unterstützungsleistungen beinhalten und die Abhängigkeit von einzelnen nützlichen Kontakten mindern.

In ihrer kürzlich veröffentlichten Studie analysierten die Forscher Sterbe- und Umfragedaten von 2440 Frauen und Männern im Alter von 54 bis 100 Jahren, welche im Rahmen der LASA Longitudinal Aging Study Amsterdam über 20 Jahre hinweg befragt wurden. Die Forscher konnten zeigen, dass Individuen mit größeren und vielfältigeren Beziehungsgeflechten über größere Überlebenschancen verfügen als Individuen mit weniger vielfältigen Beziehungsgefügen außerfamiliärer Kontakte. Dieses Ergebnis zeigte sich unabhängig von der Gesamtanzahl der Familienkontakte sowie vom Gesundheitszustand.

Insgesamt waren die Unterschiede eher gering. Dennoch schlussfolgern die Forscher, dass in Zukunft besonders außerfamiliäre Kontakte einen entscheidenden Unterschied machen können, wo ältere Menschen wenig Zugang zu familiärer Unterstützung haben und zunehmend auf außerfamiliäre Hilfe angewiesen sind.

Wussten Sie schon, dass Deutsche in der Schweiz mehr verdienen als Schweizer?

Oktober, 2016

Niedrige Arbeitslosenquoten und die enorme Wirtschaftskraft gemessen an der Einwohnerzahl machen die Schweiz für Migranten vieler Länder hoch attraktiv. Die Vielzahl unterschiedlicher Nationalitäten und auch der hohe Anteil gut qualifizierter Arbeitskräfte aus Deutschland, die in der Schweiz ihr Glück suchen, gaben Anlass für eine genauere Analyse der Integration unterschiedlicher Migrantengruppen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt.

Die von ISS-Forscher Christian Ebner und seinem Kollegen Marc Helbling (Universität Bamberg) durchgeführte Studie stützt sich auf Daten der repräsentativen Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) für die Jahre 2010 und 2011. Die SAKE umfasst Personen, die ihren Wohnsitz dauerhaft in der Schweiz haben und beinhaltet eine zusätzliche Ausländerstichprobe, so dass aussagekräftige Ergebnisse für verschiedene Migrantengruppen erzielt werden können. Die Untersuchungspopulation setzt sich aus Erwachsenen im Alter von 25 bis 64 Jahren zusammen, die einer bezahlten Arbeit nachgehen.

Die Auswertungen machen deutlich, dass die Bruttolöhne von Zuwanderern in der Schweiz je nach Herkunftsland sehr stark variieren. Der durchschnittliche Lohn von deutschen Zuwanderern liegt dabei sogar etwas über dem der Einheimischen. Abgesehen davon, dass Zuwanderer aus Deutschland zu großen Anteilen über einen Hochschulabschluss verfügen und deutsch eine der Schweizer Landessprachen ist, dürfte insbesondere die Ähnlichkeit der Bildungssysteme der beiden Länder für deutsche Zuwanderer von Vorteil sein. Damit ist es Deutschen möglich, gezielt Fachkräftelücken zu füllen und entsprechende Lohnprämien zu erzielen. Für viele Migrantengruppen in der Schweiz zeigen sich dagegen deutliche Einkommensnachteile gegenüber Schweizern. Es deutet sich an, dass die Löhne verschiedener Zuwanderergruppen mit zunehmender sozialer Distanz zur Schweiz – gemessen über Sprache, Kultur und Bildungssystem – sinken. Vor allem Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei verdienen im Mittel erheblich weniger als Schweizer. Die Ergebnisse legen auch migrationsgruppenspezifische Politiken, etwa gezielte Investitionen in Sprache und Bildung, nahe.

Wussten Sie schon, dass religiöse Christen in Europa im Durchschnitt toleranter gegenüber islamischem Religionsunterricht und dem Kopftuch für Lehrerinnen sind?

August/September, 2016

Eine von der Europäischen Kommission geförderte Studie (EURISLAM-Umfrage) in sechs europäischen Ländern ergab, dass religiöse Christen und Muslime die religiösen Rechte der anderen Gruppe in stärkerem Maße unterstützen als weniger religiöse Menschen. Dies suggeriert, dass religiöse Menschen sich mit anderen Religionen bei der Diskussion um religiöse Rechte solidarisieren. 

Sarah Carol (Universität zu Köln), Marc Helbling (Universität Bamberg) und Ines Michalowski (WZB) untersuchten die Einstellungen zu religiösen Rechten für Christen und Muslime in Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und der Schweiz. Ihre Analysen basieren auf der EURISLAM-Umfrage unter mehr als 7,000 Menschen sowohl ohne Migrationshintergrund als auch mit jugoslawischem, türkischem, marokkanischem und pakistanischem Migrationshintergrund und mindestens einem muslimischen Elternteil. Dabei wurden Einstellungen zu religiösen Symbolen bei Lehrerinnen (Kopftuch und christliche Symbole wie Kreuz und Habit) und Religionsunterricht für Christen und Muslime an staatlichen Schulen abgefragt.

Die WissenschaftlerInnen konnten zeigen, dass es bei den Befragten keine Ablehnung religiöser Rechte per se gibt. Dabei wird die Kopfbedeckung für Lehrerinnen stärker abgelehnt als der Religionsunterricht für Muslime. Nicht nur Menschen ohne Migrationshintergrund sind im Durchschnitt kritischer gegenüber Kopftüchern für Lehrerinnen eingestellt, auch Menschen mit Migrationshintergrund selbst. Hierbei gibt es jedoch Unterschiede zwischen Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, der Türkei, Marokko und Pakistan. Menschen aus Marokko und Pakistan befürworten religiöse Rechte in stärkerem Ausmaße als Menschen aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien.

Die Befragung förderte auch ländertypische Besonderheiten zu Tage:

Berücksichtigt für Geschlecht, Alter und Bildungsgrad der Befragten, zeigt sich in den Niederlanden die höchste Akzeptanz für das Kopftuch bei Lehrerinnen (Menschen ohne Migrationshintergrund 45%, Migranten 79%). In Deutschland haben dies hingegen nur 36% der Menschen ohne Migrationshintergrund und 66% der Migranten gesagt. Im Durchschnitt findet der christliche und islamische Religionsunterricht bei Menschen ohne Migrationshintergrund die stärkste Unterstützung in Deutschland und Belgien (rund 70% der Einheimischen), die niedrigste in Frankreich und Großbritannien. Schweiz und Niederlande liegen dazwischen. In Frankreich tut sich bei der Bewertung des Religionsunterrichtes an Schulen die größte Kluft in den Einstellungen zwischen der muslimischen Minderheit und der Mehrheitsgesellschaft auf, was ein erhöhtes Konfliktpotential birgt.

Wussten Sie schon, dass Mitgefühl bei der Akzeptanz von Einwanderern eine größere Rolle spielt als wirtschaftliche Verwertbarkeit?

Juli, 2016

Seit eineinhalb Jahren prägen die Proteste der (PE)GIDA-Bewegungen, der Erfolg der AfD und die steigende Zahl an Menschen, die nach Deutschland flüchten, die medialen und politischen Debatten der Bundesrepublik. Ein zentraler Streitpunk ist die Frage, wer in Deutschland willkommen sein sollte und wer nicht. Eine im aktuellen Heft der KZfSS erschienene Studie von Christian Czymara und Alexander Schmidt-Catran greift diese Auseinandersetzung auf, indem untersucht wird, welche Eigenschaften die Akzeptanz beeinflussen, die Eingewanderten entgegengebracht wird. Hierzu wurde ein faktorieller Survey durchgeführt, bei dem die Befragten 14 fiktive Einwanderinnen und Einwanderer auf drei Dimensionen bewerten sollten: das generelle Recht in Deutschland zu leben, das Recht in Deutschland zu arbeiten sowie das Recht auf Bezug von wohlfahrtsstaatlichen Leistungen.

Generell ist die befragte Stichprobe gegenüber Zuwanderung recht positiv eingestellt, viele akzeptieren alle Eingewanderten, unabhängig von deren Merkmalen. Allerdings weist ein bedeutsamer Anteil an Befragten auch alle Personen konsequent ab. Dies gilt insbesondere für das Recht auf wohlfahrtsstaatliche Leistungen. Hinsichtlich des Arbeitsrechts weisen hingegen die meisten Befragten eine deutlich liberalere Einstellung auf.

Betrachtet man die Effekte, die bestimmte Merkmale von Einwanderern auf ihre Akzeptanz haben, so zeigt sich, dass der wahrgenommene Einfluss, den der oder die Eingewanderte auf Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt hat, von zentraler Bedeutung ist: Personen mit besserer Qualifikation, guten Kenntnissen der deutschen Sprache und der Aussicht auf einen Arbeitsplatz wird deutlich mehr Akzeptanz entgegengebracht. Ängste vor persönlicher beruflicher Konkurrenz und wirtschaftliches Eigeninteresse spielen bei den Befragten für die Bewertung hingegen kaum eine Rolle.

Die höchste Akzeptanz wird allerdings Menschen entgegengebracht, die vor politischer Verfolgung geflüchtet sind. Dies ist ein Hinweis darauf, dass Mitgefühl unter bestimmten Umständen Überlegungen über die wirtschaftliche Nützlichkeit von Eingewanderten entgegenwirken kann. Neben ökonomischen Überlegungen beeinflussen aber auch kulturelle Faktoren die den Eingewanderten entgegengebrachte Akzeptanz: Personen aus dem Deutschland ähnlicheren Frankreich werden eher akzeptiert als solche aus Kenia oder dem Libanon. Zudem werden Menschen muslimischen Glaubens weniger akzeptiert als Christen oder Nichtreligiöse.

Wussten Sie schon, dass der Anstieg der Scheidungsraten in Deutschland nicht durch eine veränderte Rolle der Frau erklärt werden kann?

Juni, 2016

In Deutschland steigen die Ehescheidungsraten seit über 100 Jahren fast kontinuierlich an. Erst in jüngster Zeit könnte es zu einem Stillstand dieses Trends gekommen sein. Eine in der Familiensoziologie sehr prominente These besagt, dass der Anstieg der Ehescheidungsraten durch einen Wandel der Frauenrolle erklärt werden könne. Dieser Wandel zeigt sich vor allem bei den steigenden Bildungs- und Erwerbschancen von Frauen. Die Frage ist nun, ob das steigende Bildungsniveau der Frauen und ihre zunehmende Erwerbstätigkeit den Anstieg der Ehescheidungsraten erklären könnten. Frauen, die erwerbstätig sind und über ein eigenes Einkommen verfügen, müssen nicht aus finanziellen Gründen verheiratet bleiben, wenn ihre Ehe gescheitert ist. Zudem sind für gut ausgebildete und erwerbstätige Frauen die negativen ökonomischen Folgen einer Ehescheidung wahrscheinlich weniger gravierend. Schließlich kann man unterstellen, dass eine Erwerbstätigkeit beider Partner dazu führen kann, dass keiner der Ehepartner davon profitiert, dass der andere Partner voll und ganz für die eher ungeliebte Hausarbeit zuständig ist.

In den empirischen Analysen von Michael Wagner, Lisa Schmid (ISS) und Bernd Weiß (heute: Universität Duisburg-Essen) werden Daten der German Life History Study (GLHS) verwendet. Dieser Datensatz enthält Informationen über Ehen, die zwischen 1936 und 2005 geschlossen wurden, wobei sechs Heiratsjahrgänge (1936-1945, 1946-1955, 1956-1965, 1966-1975, 1976-1985, 1986-2005) unterschieden werden. Die Analysen beschränken sich auf Westdeutschland, da sich die Ehescheidungsraten in Ost- und Westdeutschland unterschiedlich entwickelt haben. Je jünger der Heiratsjahrgang ist, desto mehr Ehen werden geschieden. Dieser Befund deckt sich mit entsprechenden Zahlen der amtlichen Statistik. Das Bildungsniveau der Frauen sowie der Anteil der Frauen, die jemals während ihrer Ehe erwerbstätig waren, steigen von Heiratsjahrgang zu Heiratsjahrgang. Dennoch kann damit nicht erklärt werden, dass das Scheidungsrisiko bei Ehen, die in jüngster Zeit geschlossen wurden, deutlich höher ist als bei Ehen, die vor längerer Zeit geschlossen wurden. Weder ist es so, dass der zunehmende Anteil gut ausgebildeter oder erwerbstätiger Frauen den Anstieg der Scheidungsraten über die Heiratsjahrgänge hinweg aufklärt, noch haben sich die Einflüsse des Bildungsniveaus oder der Frauenerwerbstätigkeit auf das Scheidungsrisiko mit der Zeit markant verändert. In unserem Artikel (Wagner et al. 2015) werden alternative Erklärungsmöglichkeiten für die historische Entwicklung der Scheidungsraten diskutiert. So ist es wahrscheinlich, dass die normativen Barrieren, die einer Scheidung entgegenstehen können, abgebaut wurden. Ferner können die (Selbstverwirklichungs-)Ansprüche an den Ehepartner oder die Ehepartnerin gestiegen sein, sodass immer Paare mehr diesen Anforderungen nicht gerecht werden können. Möglicherweise ist demnach nicht so sehr ein sozialstruktureller, sondern ein kultureller Wandel für den historischen Anstieg der Ehescheidungsraten verantwortlich.

Wussten Sie schon, dass die Genossenschaft eine attraktive Rechtsform für gemeinsames Wirtschaften darstellt?

Mai, 2016

Eine erhöhte Neugründungsaktivität insbesondere im Bereich erneuerbarer Energien hat die Rechtsform der Genossenschaft im Allgemeinen und ihre Eignung für Bürgerinitiativen im Besonderen wieder ins Bewusstsein von Öffentlichkeit und Politik gerückt. Dies findet Ausdruck im Koalitionsvertrag der 18. Legislaturperiode, in welchem die Förderung der Genossenschaft an mehreren Stellen genannt wird. Vor diesem Hintergrund haben Johannes Blome-Drees, Philipp Degens und Clemens Schimmele vom Seminar für Genossenschaftswesen gemeinsam mit der Kienbaum Management Consultants GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie eine Studie zum Thema „Potenziale und Hemmnisse von unternehmerischen Aktivitäten in der Rechtsform der Genossenschaft“ erstellt.

Die Studie identifiziert genossenschaftliche Gründungspotenziale, indem sie aufzeigt, für welche Problemlagen die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft (eG) Lösungspotenziale bietet und weshalb sie gegebenenfalls bislang nicht verwirklicht wurden. Um die enorme Heterogenität genossenschaftlichen Wirtschaftens begrifflich zu ordnen, werden fünf Kernbereiche identifiziert: Regionalentwicklung und lokale Daseinsvorsorge, Wohnen, Energie, Gesundheit und Soziales sowie mittelständische Kooperationen, Handwerk und Unternehmensnachfolgen. Berücksichtigt werden in besonderem Maße die Auswirkungen der Novelle des Genossenschaftsgesetzes von 2006. Zudem wird untersucht, wie die Attraktivität der eG in Zukunft weiter erhöht werden kann, ob die Gründung von Genossenschaften erleichtert bzw. vereinfacht und ob etwaige Benachteiligungen der eG gegenüber anderen Rechtsformen beseitigt werden können.

Im Ergebnis liefert die Studie wichtige empirische Ergebnisse zu verschiedenen Diskussionen, die unter den beteiligten Akteuren bereits seit Jahren zum Teil kontrovers geführt werden. Während sich alle Beteiligten darin einig sind, dass Genossenschaften großes Lösungspotenzial für aktuelle und zukünftige wirtschaftliche und gesellschaftliche Problemstellungen bieten, wird es vom politischen Willen abhängen, welche der skizzierten Maßnahmen ergriffen werden, um bestehende Hemmnisse abzubauen, sodass genossenschaftliche Potenziale noch stärker ausgeschöpft werden können.

Wussten Sie schon, dass Geringqualifizierte mit Migrationshintergrund im Schnitt besser verdienen als solche ohne Migrationshintergrund?

April, 2016

Zwar werden sie oft als Integrationsversager und gesellschaftliche Verlierer dargestellt, aber Migranten mit geringer beruflicher Qualifikation haben oft ein höheres Einkommen als gleich-qualifizierte Arbeitnehmer ohne Migrationshintergrund. Dies gilt insbesondere für Gruppen mit typischerweise bildungsfernen Herkunftsfamilien. So verdienen in Deutschland geborene Schulabbrecher mit türkischem Hintergrund ungefähr 2,20 Euro mehr pro Stunde als Einheimische ohne Schulabschluss. Sie verdienen mehr, weil sie Tätigkeiten ausüben, die eigentlich ein höheres Bildungsniveau verlangen, etwa als Maschinenführer, Anlagenbediener oder Baugeräteführer. Für Menschen mit italienischem und griechischem Hintergrund fallen die Ergebnisse ähnlich aus. Im Gegensatz dazu schaffen Geringqualifizierte ohne Migrationshintergrund den Schritt in anspruchsvollere Beschäftigungen nur selten.

Gemeinsam mit Jutta Höhne (WSI – Hans Böckler Stiftung) und Céline Teney (Universität Bremen) verglich ISS-Forscher Merlin Schaeffer in einer Studie anhand der Daten des Mikrozensus 2005-2011 die Einkommen von Einheimischen mit denen von Migranten, die in Deutschland die Schule besucht haben. Damit die Ergebnisse wirklich vergleichbar sind, untersuchten sie nur jenen Teil des Einkommens, der statistisch weder auf individuelle Eigenschaften wie etwa Alter, Geschlecht und Familienstand, noch auf das regionale Lohnniveau und eine Reihe weiterer arbeitsmarktrelevanter Bedingungen zurückgeführt werden kann.

Die Befunde der drei Soziologen erklären sich vor dem Hintergrund der Forschung zu Bildungserfolgen von Kindern mit Migrationshintergrund: Die Kinder von Einwanderern setzen sich trotz ihrer weniger guten schulischen Leistungen hohe Bildungsziele und sind ausgesprochen motiviert, ihren sozialen Status zu verbessern. Denn wer die Auswanderung in ein anderes Land auf sich nimmt, tut dies meist mit dem festen Vorsatz, sich ein besseres Leben aufzubauen. Die Ambitionen der eingewanderten Eltern spiegeln sich in den hochgesteckten Zielen ihrer Kinder wider. Zugleich können Einwanderer ihren Kindern jedoch häufig nicht genügend bei den Hausaufgaben und bei der Entscheidung über die Schullaufbahn zur Seite stehen, weil es ihnen selbst an Sprachkenntnissen, Bildung und materiellen Ressourcen fehlt und ihnen das deutsche Schulsystem nicht vertraut ist. Aufgrund dieser Benachteiligung können die Kinder von Einwanderern oft nicht die Bildungszertifikate erwerben, die ihren hohen Ambitionen, ihrem Fleiß und ihrem Durchhaltevermögen entsprechen würden.

Die formalen Zeugnisse von geringqualifizierten Migranten sind also weniger als bei Geringqualifizierten ohne Migrationshintergrund ein Ausdruck geringer Leistungsbereitschaft oder Zuverlässigkeit.

Wussten Sie schon, dass 10 % der Erwerbstätigen Pillen zur Leistungssteigerung schlucken würden?

März, 2016

Wären Sie bereit ein verschreibungspflichtiges Medikament einzunehmen, um sich besser konzentrieren, mehr merken und länger wach bleiben zu können – obwohl Sie gesund sind? Immerhin 10 % von etwa 6.000 befragten Erwerbstätigen sind grundsätzlich bereit Pillen zu schlucken, die eigentlich für die Behandlung von Krankheitssymptomen wie Vergesslichkeit, Hyperaktivität oder Schlaf-Wach-Störungen bestimmt sind. Dies ergab eine kürzlich veröffentlichte Studie von ISS-Forscher Sebastian Sattler und seinem Bielefelder Kollegen Reinhard Schunck. Etwa drei von 100 Befragten gaben an, solche Medikamente für sogenanntes Cognitive Enhancement bereits eingenommen zu haben.

Die Studie ergab außerdem, dass Befragte, die sich als besonders gewissenhaft beschreiben, in geringerem Maße als andere bereit sind, Cognitive Enhancer einzunehmen. Gewissenhafte Menschen würden aufgrund ihrer besseren Fähigkeit, ihre Arbeit zu planen und zu organisieren, weniger Bedarf verspüren, ihre Leistungsfähigkeit mit solchen Mitteln zu verbessern. Zudem halten sich gewissenhafte Menschen auch eher an soziale Normen und Regeln. Da die Zweckentfremdung von Medikamenten mehrheitlich als unfair angesehen wird und die Beschaffung mit Gesetzesübertretungen verbunden sein kann, könnten gewissenhafte Menschen auch aus diesem Grund eher vom Gebrauch von Cognitive Enhancern absehen.

Frauen sind laut der Studie häufiger geneigt, Cognitive Enhancer einzunehmen. Der Wunsch durch Medikamenten leistungsfähiger zu sein, könnte darin begründet sein, dass Frauen durch eine strukturelle Diskriminierung härter arbeiten müssen, um beruflich erfolgreich zu sein, aber auch mehr Anforderungen durch Beruf, Familie und Haushalt ausgesetzt sind.

Cognitive Enhancer sind auch an Universitäten ein Thema, wie Sebastian Sattler und Kollegen in zwei weiteren Studien zeigen konnten: etwa 10 % der Lehrenden an deutschen Universitäten sind bereit, solche leistungssteigernden Mittel einzunehmen. Der Anteil derjenigen, der dies tatsächlich tut, ist mit weniger als 1 % % jedoch deutlich geringer als unter Studierenden, wo der entsprechende Wert bei knapp 5 % liegt. Insbesondere Leistungs- und Prüfungsangst führe zu deren Einnahme, wohingegen die Furcht vor Nebenwirkungen davon abschrecke.

Wussten Sie schon, dass Zynismus Ihrem Geldbeutel schadet?

Februar, 2016

Menschen haben meistens ganz bestimmte Ansichten darüber, ob andere Menschen im Allgemeinen eher gut, ehrlich und vertrauenswürdig oder egoistisch, hinterlistig und böse sind. Doch wie wirken sich diese sehr unterschiedlichen Menschenbilder auf das Leben von Zynikern und Idealisten aus?

Während vorherige Studien zeigen konnten, dass Zyniker im Vergleich zu Idealisten häufig ein geringeres allgemeines Wohlbefinden, schlechtere physische und psychische Gesundheit, eine höhere Sterblichkeit und schlechtere soziale Beziehungen aufweisen, wurde in einer kürzlich veröffentlichten Studie von Olga Stavrova und Daniel Ehlebracht der Frage nachgegangen, wie sich Zynismus auf den wirtschaftlichen Erfolg von Menschen auswirkt. Hierbei könnte man zunächst vermuten, dass Zyniker in besonderem Maße vor Betrug und Ausbeutung geschützt sind und es Ihnen daher finanziell besser gehen sollte als gutgläubigen Idealisten. Die Autoren argumentieren hingegen, dass Zyniker die Gefahr hintergangen zu werden meistens deutlich überschätzen. Somit verpassen sie wertvolle Gelegenheiten, mit anderen gewinnbringend zu kooperieren und dadurch mit vereinter Kraft ihre Ziele zu erreichen.

Längsschnittanalysen repräsentativer Datensätze aus den USA und Deutschland bestätigten diese Hypothese und zeigten, dass ein zynisches Menschenbild zu einem geringerem Durchschnittseinkommen und einer flacheren Einkommensentwicklung führt als ein idealistisches Menschenbild. Für Zyniker wiegen die Kosten verpasster Kooperation finanziell also tatsächlich schwerer als der Schutz vor vermeintlicher Ausbeutung. In einer abschließenden kulturvergleichenden Analyse mit repräsentativen Stichproben aus 41 Ländern konnte zudem gezeigt werden, dass die finanziellen Auswirkungen von Zynismus umso negativer sind, je freundlicher das soziale Klima in einem Land ist. Wenn das soziale Klima eines Landes von großer Hilfsbereitschaft und einer niedrigen Kriminalitätsrate geprägt ist, führt Zynismus in der Regel zu beträchtlichen finanziellen Einbußen. In Ländern, die durch vergleichsweise niedrige Hilfsbereitschaft und eine hohe Kriminalitätsrate geprägt sind, ließ sich hingegen oftmals kein negativer Zusammenhang zwischen Zynismus und Einkommen beobachten.

Die Befunde legen somit die Schlussfolgerung nahe, dass Zyniker im Allgemeinen ein unrealistisch negatives Menschenbild pflegen, welches sie dazu veranlasst, anderen ungerechtfertigt zu misstrauen und Kooperation zu vermeiden. In Folge dieser verpassten Gelegenheiten zur gegenseitigen Hilfe müssen Zyniker im Vergleich zu Idealisten in den meisten soziokulturellen Kontexten finanzielle Einbußen in Kauf nehmen. Den Autoren zufolge kann es sich daher häufig auch finanziell lohnen, zynische Einstellungen abzulegen und andere Menschen in einem wohlwollenderen Licht zu betrachten.

Wussten Sie schon, dass es bei der Besetzung von Führungspositionen fast keine Rolle mehr spielt, aus welcher sozialen Schicht man kommt?

Januar 2016

In Deutschland hängt der Bildungserfolg erheblich von der sozio-ökonomischen Situation des Elternhauses ab. Diese Ungleichheiten setzen sich in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen fort, zum Beispiel sind Personen mit hoher sozialer Herkunft insgesamt eher in status- und prestige¬trächtigen Berufen beschäftigt und haben häufiger eine Management- und Führungsposition inne. Gibt es derartige Ungleichheiten allerdings auch dann noch, wenn man die am höchsten gebildeten Personen betrachtet, die Absolventen von Universitäten und Fachhochschulen? Wenn Kinder aus niedrigeren Herkunftsschichten einen Hochschulabsolventen erreichen, haben sie dann die gleichen Chancen wie diejenigen aus besser gestellten Familien?

Eine kürzlich veröffentlichte Studie von Marita Jacob (ISS, Universität zu Köln), Cristina Iannelli (University of Edinburgh) und Markus Klein (University of Strathclyde) hat zur Beantwortung dieser Frage die berufliche Positionierung von Hochschulabsolventen in Deutschland und Großbritannien verglichen.

Eine Analyse von Hochschulabsolventen ein und fünf Jahre nach ihrem Abschluss im Jahr 2006 ergab, dass beim Berufseinstieg in beiden Ländern Absolventen aus privilegierten Elternhäusern im Durchschnitt eine höhere Wahrscheinlichkeit besitzen, in eine Führungsposition zu gelangen. Wenn man jedoch berücksichtigt, dass Absolventen verschiedene Fächer studierten und ihren Abschluss an unterschiedlichen Universitäten erworben haben, verringert sich der Unterschied in beiden Ländern. Das heißt, wenn man Absolventen aus verschiedenen Elternhäusern, aber mit gleichen Studienbedingungen vergleicht, sind in Deutschland keine nennenswerte Unterschiede in der beruflichen Erstplatzierung mehr vorhanden.

Dieses Ergebnis kann dahingehend interpretiert werden, dass im Falle Großbritanniens ein höherer Wettbewerb unter einer größeren Anzahl von Studierenden zusammen mit schwachen Verbindungen von Bildung und Arbeitsmarkt Spielräume für einen Einfluss der sozialen Herkunft bietet. Im Gegenzug haben in Deutschland die (vergleichsweise wenigen) Absolventen keine Vor- und Nachteile je nach Herkunft. Das heißt aber auch, dass eine Öffnung der Hochschulen in Deutschland mit einem immer höheren Anteil von Absolventen zu neuen sozialen Ungleichheiten beim Berufseinstieg führen könnte - ähnlich wie in Großbritannien.

Eine zweite Analyse der beruflichen Position fünf Jahre nach dem Studienabschluss zeigt, dass sich die sozialen Ungleichheiten in beiden Ländern verringert haben. Unter Berücksichtigung von Hochschule und Studienfach ist der verbleibende Unterschied nun auch in Großbritannien statistisch nicht mehr signifikant. Dieses Ergebnis bedeutet, dass die soziale Herkunft keine Rolle mehr spielt. Führungspositionen werden somit in beiden Ländern nicht mehr nach sozialer Herkunft, sondern ausschließlich nach ‚meritokratischen’ Kriterien, wie eigener Leistung und Erfahrungen im Beruf vergeben.