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Wussten Sie schon, dass...?

An dieser Stelle berichten Wissenschaftler des ISS regelmäßig über aktuelle Forschungsergebnisse.

April, 2018

Potentielle Nutzen und Risiken mütterlicher Erwerbstätigkeit für die Entwicklung von Kindern sind Gegenstand hitziger Diskussionen in Wissenschaft und Öffentlichkeit. Einerseits kann zusätzliches Einkommen die kindliche Entwicklung fördern. Auf der anderen Seite könnten Quantität und Qualität wichtiger Eltern-Kind-Interaktionen leiden. In einer neuen Studie kommen ISS-Forscher Michael Kühhirt und Markus Klein von der University of Strathclyde zu dem Ergebnis, dass Kinder mit vergleichbarem familiärem Hintergrund kaum Unterschiede in Vokabular und kognitiven Fähigkeiten aufweisen, auch wenn sich das Erwerbsverhalten ihrer Mütter in den ersten fünf Lebensjahren sehr stark unterscheidet. Überzogene Erwartungen und Ängste bezüglich der Folgen mütterlicher Erwerbstätigkeit scheinen damit gleichermaßen unbegründet, zumindest was den Spracherwerb und grundlegende kognitive Fähigkeiten anbelangt.

Diese Befunde basieren auf 2,200 teilnehmenden Familien der Befragung “Growing Up in Scotland”, die Kinder vom 10. Lebensmonat bis zum 5. Geburtstag begleitet. Als Maß für das Vokabular im Alter von fünf Jahren mussten die Kinder verschiedene Objekte aus einem Bilderbuch korrekt benennen. Die kognitiven Fähigkeiten wurden über das Finden von konzeptionellen Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Bildern gemessen. Die Erwerbsgeschichte von Müttern und andere wichtige Informationen wurden über einen standardisierten Fragebogen erhoben, der jährlich vorgelegt wurde.

Der Beitrag der Studie liegt darin, dass ganze Verläufe mütterlicher Erwerbstätigkeit berücksichtigt wurden. Dies ist bedeutsam, da ein möglicher Einfluss mütterlicher Erwerbstätigkeit auf die kindliche Entwicklung erst über einen längeren Zeitraum hinweg zur Entfaltung kommt. Allerdings zeigt sich, dass Unterschiede in Vokabular und kognitiven Fähigkeiten wohl eher auf Unterschieden in Faktoren wie mütterlicher Bildung und Familienstruktur zurückgehen, die ihrerseits das Erwerbsverhalten beeinflussen. Während der Nutzen mütterlicher Erwerbstätigkeit für die kindliche Entwicklung begrenzt scheint, hat die Studie auch keine Hinweise auf negative Folgen geliefert, ein wichtiger Befund in Anbetracht der universellen Bestrebungen die Erwerbsbeteiligung von Müttern zu erhöhen. 

März, 2018

Die Wirtschaftspsychologie erforscht psychologische Mechanismen, die dem wirtschaftlichen Verhalten von Konsumenten und Haushalten zugrunde liegen. Bislang haben zahlreiche Studien gezeigt, dass der Zahlungsmodus (z.B. Bargeld vs. Kreditkarte) das Konsumentenverhalten beeinflusst – etwa in Bezug darauf, wie viel Personen ausgeben und was sie kaufen. Trotz der fortschreitenden Verbreitung von neuen Zahlungstechnologien ist wenig über die Nuancen digitaler Zahlungsmodi und deren Eigenschaften bekannt.

Die ISS-Forscher Rufina Gafeeva und Erik Hölzl sowie Holger Roschk von der Alpen-Adria Universität Klagenfurt haben in einer aktuellen Studie untersucht, wie sich der Wandel der Bezahlmethoden auf die Konsumenten auswirkt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Erinnerungsgenauigkeit an den bezahlten Betrag danach unterscheidet, mit welchem Mittel man bezahlt: bar, mit Prepaidkarte oder mit multifunktioneller Karte.

Die Datenerhebung erfolgte zu zwei verschiedenen Zeitpunkten in Cafeterias einer deutschen Universität – sowohl vor als auch nach der Einführung einer multifunktionellen Karte, die neben einer Zahlungsfunktion auch Fahrausweis, Identifizierung und andere Informationsfunktionen bietet. Kurz nach dem Bezahlen wurden insgesamt 496 Studierende gebeten, den Betrag und den Zahlungsmodus zu nennen sowie weitere Kontrollfragen zu beantworten. Die Erinnerungsgenauigkeit an den bezahlten Betrag war sowohl bei Prepaidkarten als auch bei Multifunktionskarten geringer als bei Barzahlungen. Zwischen der Prepaidkarte und der multifunktionellen Karte konnte kein signifikanter Unterschied aufgezeigt werden, vielmehr spielten die individuellen Verwendungsmuster eine entscheidende Rolle: Wer öfter die Nicht-Bezahlfunktionen solcher Karten nutzte, erinnerte sich schlechter.

Die Ergebnisse sind relevant für das finanzielle Wohlbefinden von Konsumenten, denn eine genaue Erinnerung an vergangene Ausgaben wirkt sich auf die Bereitschaft aus, zukünftige Ausgaben zu tätigen. Daher könnten Designs, die die Bezahlfunktion von anderen Funktionen trennen oder die Geldausgabe visualisieren (etwa durch sofortige Bezahlinformationen oder Zusammenfassungen), ein stärkeres Bewusstsein für Ausgaben bei Konsumenten fördern.

Februar, 2018

Häufig wissen Menschen schon nach kurzer Zeit, ob (und wie sehr) sie sich romantisch oder sexuell zu einer anderen Person hingezogen fühlen. Dabei sind sie sich jedoch keineswegs bewusst darüber, welche herausragende kognitive Leistung es erfordert, die vielen unterschiedlichen Eigenschaften möglicher Partner integrativ zu betrachten und zu einem ganzheitlichen Urteil zusammenzufügen, welches zudem in unterschiedlichen Kontexten der Partnersuche – für eine Nacht oder für das ganze Leben – sehr unterschiedlich ausfallen kann. In bisherigen Studien wurde hauptsächlich die Attraktivität jeweils einzelner körperlicher oder charakterlicher Eigenschaften auf die Probe gestellt, während es weitestgehend unerforscht blieb, auf welche Weise solche unterschiedlichen Eigenschaften in spezifischen Kontexten interagieren.

Die ISS-Forscher Daniel Ehlebracht und Detlef Fetchenhauer widmeten sich gemeinsam mit Olga Stavrova von der Universität Tilburg und Daniel Farrelly von der Universität Worcester genau dieser Frage. Speziell wurde untersucht, ob Prosozialität und körperliche Attraktivität sich unter bestimmten Umständen gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken können. In zwei Studien wurden Kölner Studierenden kurze Videos von niederländischen Studierenden vorgeführt, deren Attraktivität sie entweder für eine Kurzzeit- oder Langzeit-Beziehung bewerten sollten. Hierbei erhielten die Beurteiler für jede der gezeigten Personen eine randomisierte Information, wie sich die Person in einem ökonomischen Spiel verhalten habe, bei welchem sie ihren Altruismus oder ihre Vertrauenswürdigkeit unter Beweis stellen konnte. Es zeigte sich erwartungsgemäß, dass körperliche Attraktivität im kurzfristigen Kontext einen stärkeren Einfluss auf die Gesamtbewertung hatte als im langfristigen Kontext, während Prosozialität im langfristigen Kontext eine größere Rolle spielte als im kurzfristigen Kontext. Darüber hinaus zeigte sich, dass Männer ihre Präferenzen spezifischer auf den zeitlichen Kontext der Partnerwahl ausrichteten als Frauen, dass sich also der relative Einfluss von körperlicher Attraktivität und Vertrauenswürdigkeit auf die Gesamtbewertung stärker zwischen den beiden Kontexten unterschied als dies bei weiblichen Beurteilern der Fall war. Zudem konnte im langfristigen Partnerwahl-Kontext in beiden Studien beobachtet werden, dass körperliche Attraktivität und Prosozialität sich in ihrer Wirkung auf die Gesamtbewertung gegenseitig verstärkten, wenn sie gemeinsam auftraten. Dies deutet darauf hin, dass ein guter Charakter tatsächlich die Attraktivität als Langzeitpartner signifikant steigern kann – in besonderem Maße jedoch bei Menschen, die ohnehin schon körperlich attraktiv sind.

Januar, 2018

Die Soziologie befasst sich seit langem mit der Vererbung sozialer Ungleichheiten (z.B. Bildungschancen) von einer Generation zur nächsten. Ebenso konnte die demographische Forschung zeigen, dass sich z.B. das Geburtenverhalten oder Scheidungsrisiken der Elterngeneration auf entsprechende Verhaltensweisen der Kinder auswirkt. Bislang kaum untersucht wurde jedoch die für die Familienforschung relevante Frage, inwieweit auch die Qualität von Eltern-Kind-Beziehungen „vererbt“ wird.

Diesem Thema ist ISS-Forscher Karsten Hank zusammen mit Veronika Salzburger und Merril Silverstein in einer Untersuchung auf Basis des Beziehungs- und Familienentwicklungspanels pairfam nachgegangen. Die Autoren nutzten dabei das so genannte Multi-Aktor-Design des pairfam, das es erlaubt, Informationen über drei Generationen in einer Familie auszuwerten: die jüngste Generation von Kindern, die zum Befragungszeitpunkt 16-18 Jahre alt waren, berichtet hier über die Beziehungsqualität zur mittleren Generation, und diese gibt Auskunft über die Qualität ihrer Beziehung zur ältesten Generation. Konkret wurden drei Dimensionen der Beziehungsqualität betrachtet: die emotionale Nähe, die Konflikthäufigkeit, und die Ambivalenz (also die Gleichzeitigkeit von Nähe und Konflikten).

Die Studie zeigt, dass wenn größere emotionale Nähe, häufigere Konflikte und ein höheres Maß an Ambivalenz zwischen Eltern und Kindern in der älteren Generation beobachtet werden, sich dieses Muster in der gleichen Familie überzufällig häufig auch in den Eltern-Kind-Beziehungen der jüngeren Generation findet. Diesen Befund interpretieren die Autoren als Hinweis darauf, dass sich die Beziehungsqualität über Generationen hinweg „vererbt“. Weiterführende Analysen, die nach dem Geschlecht der Familienmitglieder differenzieren, deuten darauf hin, dass diese Art der intergenerationalen Transmission insbesondere von Großvätern ausgeht.

Während die geschlechtsspezifischen Befunde einer weiteren Klärung bedürfen, zeigt die Studie insgesamt, dass für ein umfassendes Verständnis von Eltern-Kind-Beziehungen eine Perspektive wichtig ist, die Familien als multigenerationale Systeme begreift.

Dezember, 2017

Vor dem Hintergrund steigender Lebenserwartung gewinnt die Frage, welche Faktoren den Erhalt kognitiver Fähigkeiten bis ins hohe Alter vorhersagen, zunehmend an Bedeutung. Zu den kognitiven Fähigkeiten zählen beispielsweise das Erinnerungsvermögen, das logische Denken und die Geschwindigkeit, mit der Informationen verarbeitet werden können. Als förderlich für den Erhalt dieser Fähigkeiten gelten gemeinhin körperliche Betätigung sowie soziale und intellektuelle Aktivitäten. Außerdem wird spekuliert, dass die Möglichkeiten zur Ausübung dieser Aktivitäten auch von der Wohngegend mitbestimmt werden.

Aus diesem Grund untersuchten die ISS-Wissenschaftler Jonathan Wörn und Lea Ellwardt gemeinsam mit Kollegen aus Amsterdam und Oslo, inwiefern der sozioökonomische Status und der Grad der Verstädterung einer Wohngegend in Zusammenhang mit den kognitiven Fähigkeiten ihrer älteren Einwohner stehen.

Hierzu nutzen die Wissenschaftler Informationen zum durchschnittlichen Einkommen und zur Dichte der Wohn- und Geschäftsadressen 63 niederländischer Wohngegenden. Diese verknüpften sie mit Daten von 985 Bewohnern dieser Wohngegenden, die an der Longitudinal Aging Study Amsterdam (LASA) teilnahmen, um zu analysieren, wie sich verschiedene kognitive Fähigkeiten von 65- bis 88-jährigen Personen innerhalb eines Zeitraums von sechs Jahren entwickelten.

Den Ergebnissen der Studie zufolge waren zwei der vier untersuchten kognitiven Fähigkeiten bei älteren Bewohnern von Wohngegenden mit einem höheren Durchschnittseinkommen besser ausgeprägt. Die Unterschiede zwischen den Wohngegenden wurden jedoch nicht durch die Wohngegenden verursacht, sondern konnten durch die höhere Bildung und das höhere individuelle Einkommen dieser Personen erklärt werden. Diese beiden Faktoren stehen zum einen in positivem Zusammenhang mit den kognitiven Fähigkeiten und erhöhen zum anderen die Wahrscheinlichkeit, in einer Wohngegend mit höherem Durchschnittseinkommen zu leben.

Außerdem hatten ältere Personen in stärker verstädterten Wohngegenden bessere kognitive Fähigkeiten. Diesen Befund erklärten die Wissenschaftler damit, dass die alltäglichen Anforderungen in stärker verstädterten Wohngegenden ein alltägliches kognitives Training darstellen, beispielsweise durch die Vielzahl an Informationen, die bei der Teilnahme am geschäftigen Straßenverkehr verarbeitet werden müssen. Allerdings könne dieser Effekt in sehr stark verstädterten Wohngegenden auch ins Gegenteil umschlagen und durch Überforderung zu schlechteren kognitiven Fähigkeiten führen.
Da die Abnahme kognitiver Fähigkeiten im beobachteten Zeitraum unabhängig von den untersuchten Eigenschaften der Wohngegend war, müssen die Unterschiede zwischen Personen in stärker und weniger stark verstädterten Gegenden nach Ansicht der Wissenschaftler bereits in früheren Lebensjahren zustande gekommen sein.

Insgesamt waren die beobachteten Unterschiede zwischen den Wohngegenden relativ gering. Dementsprechend empfehlen die Wissenschaftler, dass sich eventuelle Maßnahmen zum Erhalt kognitiver Fähigkeiten an den Bedürfnissen von Individuen orientieren sollten.

November, 2017

Gibt es eine allgemeine abschreckende Wirkung von Strafe, die junge Menschen von strafbaren Handlungen abhält? Bisherige Untersuchen scheinen dies zumindest teilweise für die Bestrafungswahrscheinlichkeit nachzuweisen, also für das von jungen Menschen wahrgenommene Risiko für eine strafbare Handlung sanktioniert zu werden. Sozialwissenschaftler erklären dies (vereinfacht) mit einem Abwägungsprozess, der die Eintrittswahrscheinlichkeit und Intensität möglicher Handlungskonsequenzen (als Kosten) sowie den durch die strafbare Handlung erlangten Vorteil (als Nutzen) berücksichtigt. Übersteigen die Kosten den Nutzen, so werden sich junge Menschen gegen die strafbare Handlung entscheiden. Demnach kann eine Erhöhung des wahrgenommenen Entdeckungs- oder Bestrafungsrisikos eine abschreckende Wirkung auf das Verhalten haben. Es ist aber noch ein umgekehrtes Phänomen beobachtbar: in der Folge der Ausübung strafbarer Handlungen lernen junge Menschen wie hoch das Risiko für eine Entdeckung oder Bestrafung tatsächlich ist. Persönliche Erfahrungen mit Kriminalität führen also zu einer realistischeren Risikoeinschätzung. Überwiegt nun aber der Abschreckungs- oder der Erfahrungseffekt?

ISS Forscher Daniel Seddig und seine Kollegen Helmut Hirtenlehner (Universität Linz) und Jost Reinecke (Universität Bielefeld) untersuchten diese Frage in einer Studie mit 1950 befragten Jugendlichen aus Duisburg. Dazu wurden dieselben Jugendlichen über mehrere Jahre hinweg zu denselben Themen befragt (Panelstudie). Die Ergebnisse der statistischen Analysen deuten auf die Dominanz von Erfahrungseffekten hin. Eine systematische Abschreckungswirkung von wahrgenommenen Sanktionierungsrisiken konnte nicht nachgewiesen werden.

Da einfache (strafbare) Handlungen sehr oft automatisch und spontan erfolgen, sollten die Erwartungen an die Wirkung von (gerichtlichen) Sanktionsandrohungen daher nicht überhöht werden. Die Studie konnte allerdings nicht ausschließen, dass unter Umständen nicht doch (kleine) Subgruppen von Menschen auf Strafdrohungen ansprechen.

Oktober, 2017

Gänzlich neu ist der Ansatz allerdings nicht. Bereits im 19. Jahrhundert konnte Ernst Engel (1857) einen Zusammenhang zwischen der Höhe des Einkommens und der Ausgabenverteilung auf verschiedene Konsumgüter nachweisen: Je höher der Ausgabenanteil für Nahrungsmittel, umso ärmer ist der Haushalt. Hermann Schwabe (1868) konnte einen ähnlichen Zusammenhang für die Wohnungsausgaben feststellen. Im Bereich der Sozialstrukturanalyse wurde bereits in frühen Jahren diskutiert, inwiefern der Konsum gegenüber der Erwerbsarbeit eine eigenständige soziale Differenzierungsfunktion erfüllt. Pierre Bourdieu (1982) spricht beispielsweise von der Konsum- und Freizeitsphäre als entscheidendem Faktor für die Reproduktion von Klassenstrukturen. Während die Art der Einkommensverwendung vor allem im Zusammenhang mit verschiedenen Untersuchungen rund um das Thema Lebensstil immer wieder Verwendung findet, wurde der Ansatz, Konsumausgaben als Wohlstandsindikator zu verwenden, zumindest für Deutschland nicht weiterverfolgt. Im internationalen Kontext finden sich einige empirische Studien, die die Konsumausgaben zur Messung von Armut und Ungleichheit verwenden und darlegen, warum Konsumausgaben im Vergleich zum Einkommen den adäquateren Wohlstandsindikator darstellen. Dass dieses Thema in Deutschland so wenig Beachtung findet, liegt zu einem Großteil darin begründet, dass es lange an aussagekräftigen und repräsentativen Datengrundlagen mangelte. Durch die Bereitstellung der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe, einer detaillierten amtlichen Statistik zu den Einnahmen und Ausgaben von über 60.000 Haushalten in Deutschland, hat sich die Dateninfrastruktur für die Wissenschaft jedoch deutlich verbessert.

Auf dieser Basis untersuchte Katharina Hörstermann in einem DFG-Forschungsprojekt zusammen mit Prof. Dr. Hans-Jürgen Andreß Unterschiede zwischen einer einkommens- und konsumbasierten Armuts- und Ungleichheitsanalyse. Die Ergebnisse ihrer Studie stimmen weitestgehend mit denen aus der internationalen Forschung überein: Sowohl die konsumbasierten Armuts- als auch Ungleichheitsmaße liegen unter dem Niveau der einkommensbasierten. Auch decken sich die Populationen der Einkommens- und Konsumarmen nur teilweise, wobei die Übereinstimmung im Laufe der Zeit zugenommen hat. Die Konsumarmen unterscheiden sich von den Einkommensarmen insbesondere hinsichtlich ihres Vermögens mit einer hohen Eigentümer- und Schuldnerquote.

September, 2017

ISS-Forscherin Sarah Carol und ihre Kollegin Nadja Milewski von der Universität Rostock untersuchten die Einstellungen zu Abtreibungen in Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und der Schweiz. Ihre Analysen basieren auf der EURISLAM-Umfrage unter mehr als 5.000 Menschen sowohl ohne Migrationshintergrund als auch mit jugoslawischem, türkischem, marokkanischem und pakistanischem Migrationshintergrund und mindestens einem muslimischen Elternteil.

Die Studie zeigt, dass berücksichtigt für Geschlecht, Alter und Bildungsgrad der Befragten, die Einstellungen gegenüber Abtreibung über verschiedene westeuropäische Länder variieren. Menschen in Deutschland lehnen Abtreibung signifikant stärker ab als beispielsweise jene in Frankreich, obwohl die gesetzlichen Regelungen zu Abtreibungen gar nicht so unterschiedlich sind im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern. Die Einstellungen der Menschen aus Belgien, Großbritannien und der Schweiz liegen dazwischen. 

Hierbei sind jedoch Unterschiede in der Zustimmung zu Abtreibung zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zu beobachten. Während fast jeder fünfte Mensch mit Migrationshintergrund Abtreibung befürwortet, befürwortet jeder zweite Mensch ohne Migrationshintergrund Abtreibung. Zum Teil lassen sich die Länder- und Gruppenunterschiede durch Religiosität erklären. Trotzdem klaffen in Frankreich die Einstellungen gegenüber Abtreibung von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund besonders stark auseinander. Im westeuropäischen Vergleich sind Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Frankreich jedoch die stärksten Befürworter von Abtreibung. Die ähnlichen Länderunterschiede bei Menschen mit und ohne Migrationshintergrund könnten auf eine Assimilation hindeuten.

August, 2017

Heutzutage erwarten Menschen ein hohes Maß an emotionaler Verbundenheit und partnerschaftlicher Kommunikation von ihrer Ehe, während sie gleichzeitig großen Wert auf die Wahrung ihrer persönlichen Autonomie legen. Bisweilen geht man davon aus, dass solch ein Wandel zur individualisierten Ehe eine Erklärung für steigende Scheidungsraten sei. Erwartungen an die emotionale Gratifikation durch eine Partnerschaft seien unrealistisch hoch, flexible Rollen und häufige Aushandlungsprozesse würden die Beziehungsqualität erodieren und mehr persönliche Freiheit würde die Trennungskosten reduzieren.

Die ISS-ForscherInnen Nicole Hiekel und Michael Wagner werteten Daten des Deutsche Familienpanels (pairfam) aus und untersuchten den Zusammenhang zwischen Ehepraktiken, die den Grad der Individualisierung einer Ehe abbilden, und dem individuellen Scheidungsrisiko. Rund 3.000 Männer und Frauen, die zum Zeitpunkt der ersten Befragung (2008) zwischen einem und zwanzig Jahren verheiratet waren, wurden bis zu sieben weitere Ehejahre lang beobachtet, in denen ungefähr jede achte dieser Ehen aufgelöst wurde.

Die noch unveröffentlichte Studie zeigt, dass individualisierte Ehepraktiken in der untersuchten Stichprobe recht verbreitet sind. Verheirate Männer und Frauen in Deutschland berichten ein hohes Ausmaß an erlebter emotionaler Zuneigung und Wertschätzung (Intimität), persönlichem Freiraum (Autonomie) sowie Konfliktdiskurse auf Augenhöhe (Demokratie). Solche individualisierten Ehepraktiken hängen zum Teil mit dem Trennungsrisiko zusammen. Paare, die ein höheres Maß Intimität berichten, haben ein deutlich reduziertes Trennungsrisiko. Dieser Zusammenhang ist umso stärker, je länger das Paar verheiratet ist Höhere Autonomie hängt nicht mit dem Trennungsrisiko zusammen. Paare, deren Konfliktlösungsstrategie durch ein höheres Ausmaß an Demokratie gekennzeichnet ist, das heißt, in denen dominantes sowie unterwerfendes Verhalten seltener vorkommen, haben ein deutlich reduziertes Trennungsrisiko soweit sie zum Zeitpunkt der ersten Befragung schon länger verheiratet sind. Diese Befunde suggerieren, dass Paare mit individualisierten Ehepraktiken, die ihre Wertschätzung füreinander sowohl in Momenten der Intimität als auch des Konflikts erfolgreich praktizieren, stabilere Ehen haben, besonders wenn ihre Ehe schon länger besteht.

Juli, 2017

Das Konsummuster, d.h. die Art der Aufteilung der Gesamtausgaben auf unterschiedliche Konsumkategorien, gilt im Allgemeinen als Abbild des Lebensstils einer Person. Jede Person muss einen bestimmten Teil ihrer Ausgaben in die Sicherung ihrer Grundbedürfnisse investieren. Den Rest des verfügbaren Einkommens kann sie entweder sparen oder zusätzlich je nach Präferenz für verschiedene Konsumzwecke ausgeben. Umstritten ist in diesem Zusammenhang schon seit Längerem die Frage, welche Faktoren das Konsummuster einer Person beeinflussen. Auf der einen Seite wird argumentiert, dass soziodemografische Merkmale, und dabei insbesondere das Einkommen, maßgeblich bestimmen, wie wir konsumieren. Auf der anderen Seite wird darauf verwiesen, dass durch die Auflösung traditioneller Bindungen und die allgemeine Steigerung des Lebensstandards die Wahlmöglichkeiten zur individuellen Lebensgestaltung zugenommen hätten und sich der bindende Charakter rollenspezifischer Konsumnormen zunehmend auflöse. Dies resultiere wiederum in einem Verfall homogener, schichtspezifischer Konsumstile und einer Entschichtung der Konsumausgaben. 

Katharina Hörstermann untersuchte in einem DFG-Forschungsprojekt zusammen mit Prof. Dr. Hans-Jürgen Andreß die Konsumstruktur der Jahre 1978 und 2008 in Deutschland mit den Daten der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe. In einer in diesem Zusammenhang entstandenen Studie konnten sie einen Wandel der Konsumstruktur diagnostizieren, der von einem Rückgang der anteiligen Ausgaben für Nahrungs- und Genussmittel, Bekleidung und Schuhe sowie Möbel und Hausrat und einen entsprechenden Anstieg bei Wohnen, Gesundheit und Körperpflege, Verkehr und Nachrichten sowie Bildung und Freizeit geprägt ist. Sie untersuchten im Folgenden, ob die Veränderungen in der Alters- und Einkommensverteilung sowie der durchschnittlichen Haushaltsgröße in Deutschland zwischen 1978 und 2008 den Wandel der Konsumstruktur erklären können.

Ein deskriptiver Vergleich der Konsumstrukturen verschiedener Geburtskohorten bei Kontrolle der Altersklasse, des Einkommensquintils sowie der Haushaltsgröße zeigte dabei unterschiedliche Konsummuster der einzelnen Kohorten, die nicht auf Alters-, Einkommens- oder Haushaltsgrößenunterschiede zurückgeführt werden können. Die Ergebnisse einer Dekompositionsanalyse, bei der die Verteilung von Alter, Einkommen und Haushaltsgröße zwischen 1978 und 2008 konstant gehalten wurde, bestätigten dieses Ergebnis: Die soziodemografischen Veränderungen sind nicht in der Lage, die Verschiebungen in den Ausgabenanteilen der Konsumkategorien zu erklären. Vielmehr scheint es so, als dass die Personen mehr Möglichkeiten besitzen, ihr Ausgabenprofil stärker nach den eigenen Präferenzen auszurichten.