Wussten Sie schon, dass Genossenschaften und deren ideelle Besonderheiten zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO gehören?

 

Die Genossenschaftsidee wurde am 30.November 2016 in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba in die Liste des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen - ein großer Erfolg für die weltweite Genossenschaftsbewegung und für die deutsche Genossenschaftspraxis, die den Antrag einbrachte. Allein in Deutschland gibt es über 22 Mio. Mitgliedschaften in Genossenschaften, weltweit werden über 800 Mio. Mitglieder in über 100 Ländern gezählt. Mit „Genossenschaften“ werden Wirtschafts- und Rechtsformen bezeichnet, die den Prinzipien der gemeinsamen Selbsthilfe (Förderzeck), der Selbstverantwortung sowie der Selbstverwaltung (ausschließlich Mitglieder wirken mit in den Organen Vorstand, Aufsichtsrat und MV) unterliegen. In Genossenschaften hat jedes Mitglied – unabhängig von der Höhe des eingebrachten Kapitals – im Grundsatz eine Stimme, die auf den Mitglieder- oder Vertreterversammlungen zählen. Das Förderprinzip, das auf die Förderung der Mitglieder ausgerichtet ist, sorgt dafür, dass Marktgegenseiten in der Genossenschaft überwunden werden: Mitglieder sind die Wohnungsnutzer und Eigentümer der Wohnungsanlage zugleich, Mitgliedern gehört die Bank und sie sind zugleich die Kunden, den Lesern der taz gehört zugleich die Tageszeitung. Im Jahr 2012 feierte die UN das Internationale Jahr der Genossenschaften. Zu den wichtigen Pionieren des modernen Genossenschaftswesens in Deutschland des 19. Jahrhunderts sind Hermann Schulze-Delitzsch sowie Friedrich Wilhelm Raiffeisen zu zählen. Der liberale Jurist und Politiker Hermann Schulze-Delitzsch konzipierte maßgeblich das Genossenschaftsgesetz sowie vor allem die Genossenschaften für Gewerbetreibende und Handwerker in städtischen Regionen wie auch die Volksbanken. Das ländliche Genossenschaftswesen ist vor allem von dem pietistisch-orientierten Tatchristen und Bürgermeister verschiedener Orte im Westerwald, Friedrich Wilhelm Raiffeisen, geprägt. Noch viele Jahrzehnte währte die Auseinandersetzung über die „richtige“ Genossenschaftskonzeption, welche in der Literatur als „Systemstreit“ eingegangen ist. Heute ist in Deutschland nicht mehr viel von den Unterschieden zwischen Schulze-Delitzsch- und Raiffeisengenossenschaften bemerkbar – gleichwohl sind diese z.B. in Österreich noch sehr deutlich identifizierbar. Beide Konzeptionen – wie auch die Genossenschaftskonzeption der ersten Konsumgenossenschaft der Rochdaler Pioniere durch die International Cooperative Alliance – verbreiteten sich weltweit. und wird von vielen gesellschaftlichen Akteuren aufgegriffen in nahezu allen Branchen. Gerade in jüngster Zeit ist in Deutschland eine deutliche Zunahme der Neugründungen von Genossenschaften zu vermerken. Nicht selten spielt bei diesen Neugründungen starkes ehrenamtliches Engagement eine große Rolle, um Projekte mit bürgerschaftlichem Engagement voranzubringen. Am ISS widmet sich das Seminar für Genossenschaftswesen der Erforschung der Theorie und Praxis von Genossenschaften.

Juni 2017

 

Wussten Sie schon, dass es an unscharf definierten Grenzen zwischen ethnischen Nachbarschaften häufiger zu Streit kommt?

 

Die eine Nachbarin dreht nachts laut die Musik auf, ein anderer blockiert ständig mit seinem Wagen die Ausfahrt. In Städten vergeht kein Tag ohne Nachbarschaftskonflikte. ISS-Forscher Merlin Schaeffer und sein Kollege Joscha Legewie von der Yale University haben in einer Studie herausgefunden, dass es in Städten mit hoher ethnischer Segregation häufiger zu Streit kommt, insbesondere wenn die Grenzen zwischen zwei homogenen Gruppen nicht klar definiert sind. Zu dem Ergebnis sind sie gekommen, nachdem sie 4,7 Millionen Nachbarschaftsbeschwerden der Stadt New York ausgewertet haben.

Mit New York City wählten die beiden Wissenschaftler für ihre Studie eine Stadt mit einer vergleichsweise hohen Segregation. So gibt es etwa von Weißen bewohnte Gebiete, die vollständig von Häuserblöcken mit afro-amerikanischen Anwohner/innen umgeben sind. Zu Nachbarschaftskonflikten kommt es in diesen Gebieten vor allem dort, wo die Grenze zwischen den beiden ethnischen Gruppen unscharf verläuft. Die Zahl der Beschwerden ist hier um ca. 26 Prozent höher als in Gegenenden, in denen klare Grenzen zwischen den Gruppen existieren oder wo es aufgrund ethnischer Homogenität gar keine Grenzen gibt. Ihre Begründung: Segregation befördert ethnische Gruppenidentitäten und damit auch das Gefühl eines Territorialanspruchs, der gerade an unscharfen Grenzen für Konflikte sorgt. In gut durchmischten Städten gibt es dieses Phänomen eher nicht, denn erst das Vorhandensein von Segregation schafft die Voraussetzung für Grenzkonflikte.

Die Nachbarschaftsgrenzen definierten Schaeffer und Legewie mit Hilfe von Algorithmen zur sogenannten Kantendetektion. Solche Algorithmen kommen unter anderem bei der Entwicklung von selbstfahrenden Fahrzeugen zum Einsatz, die dadurch die Ränder von Objekten erkennen. Schaeffer und Legewie analysierten mit Hilfe solcher Algorithmen die Bevölkerungsdaten der Stadt New York und machten die Grenzverläufe zwischen ethnisch homogenen Nachbarschaftsverläufen sichtbar. Mithilfe dieser Methode konnten sie erkennen, wo die Grenzen zwischen ethnischen Gruppen scharf beziehungsweise unscharf verlaufen.

Wie häufig es in einem bestimmten Gebiet zu Nachbarschafskonflikten kommt, fanden die Wissenschaftler anhand der Anrufe heraus, die bei der New Yorker Behördenhotline 311 eingegangen sind. Vergleichbar mit dem Ordnungsamt in Deutschland nimmt diese Hotline Beschwerden von Anwohner/innen entgegen. Schaeffer und sein Kollege werteten die Ortsdaten von insgesamt 4,7 Millionen Anrufen aus, die im Jahr 2010 bei der Nummer 311 eingegangen sind. Die häufigsten Beschwerdegründe waren zugeparkte Ausfahrten, Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit, Lärmbelästigung durch Musik sowie illegale Untervermietung von Wohnraum.

Mai 2017

 

Wussten Sie schon, dass der Wohnort junger Zugewanderter nicht immer entscheidend für ihre soziale Integration ist?

 

Wie kann Integration gelingen? Die Suche nach Antworten führt in Deutschland oftmals zu den Wohnorten von Zugewanderten und ihren Nachkommen. Weitverbreitet ist die Sorge um das Entstehen von Stadtvierteln, in denen Zugewanderte weitgehend isoliert von der Mehrheitsgesellschaft leben und aufwachsen. Gleichzeitig herrscht die Hoffnung, dass räumliche Nähe zur Mehrheitsgesellschaft auch vermehrten sozialen Kontakt mit sich bringt.

Der empirische Forschungsstand hierzu vermittelt jedoch ein unklares Bild. Viele Studien finden einen deutlichen Zusammenhang zwischen räumlicher Nähe und sozialen Kontakten der Zugewanderten zur Mehrheitsgesellschaft. Andere Untersuchungen zeigen keinen starken Zusammenhang. Unklar scheint darum, für wen genau der Wohnort entscheidend bei der sozialen Integration ist und für wen nicht. Ebenso ungeklärt ist, warum diese Unterschiede existieren.

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, untersuchte ISS-Forscher Hanno Kruse in einem kürzlich erschienenen Artikel die Freundschaftswahlen jugendlicher Zugewanderter und ihrer Nachkommen in Deutschland. Dabei kombinierte er Informationen aus dem „Children of Immigrants Longitudinal Survey in Four European Countries (CILS4EU)“ mit kleinräumigen Kontextinformationen eines Geomarketingunternehmens, wodurch eine genaue Überprüfung des Zusammenhangs von Freundschafts- und Nachbarschaftskompositionen junger Zugewanderter in Deutschland möglich wurde.

Es zeigte sich, dass der Zusammenhang zwischen Nachbarschafts- und Freundschaftszusammensetzung stark von der sozialen Herkunft der jungen Zugewanderten abhängt: Bei höherem sozialen Hintergrund führt räumliche Nähe zu Deutschen auch zu mehr Freundschaften mit ihnen. Bei niedrigem sozialen Hintergrund ist dieser Zusammenhang schwächer. Dies liegt nicht etwa daran, dass die verschiedenen sozialen Schichten in unterschiedlich starkem Ausmaß Freundschaften in ihrer direkten Nachbarschaft bilden. Stattdessen legen die Ergebnisse nahe, dass 1) Unterschiede in den Kontaktmöglichkeiten zu Deutschen verantwortlich sind: Jugendliche höherer sozialer Herkunft besuchen, unabhängig von ihrem Wohnort, grundsätzlich Schulen mit höherem Deutschenanteil. Zudem deuten die Analysen darauf hin, dass 2) Zugewanderte mit höherer sozialer Herkunft ihre Kontaktmöglichkeiten zu Deutschen eher in Freundschaften umwandeln. Zusammengefasst scheint die räumliche Nähe zur Mehrheitsgesellschaft somit tatsächlich eine notwendige Voraussetzung für eine gelungene Sozialintegration junger Zugewanderter in Deutschland zu sein. Ein Allheilmittel für alle Jugendlichen, gleich welcher sozialen Herkunft, ist sie jedoch nicht.

April 2017

 

Wussten Sie schon, dass die Erwerbstätigkeit von Frauen die Umzugshäufigkeit von Paaren in Schweden stärker verringert als in Deutschland?

 

Doppelverdienerpaare, in denen beide Partner arbeiten, ziehen weniger häufig über große Distanzen um als Paare mit männlichen Alleinverdienern. Dieses Phänomen wird oft dadurch erklärt, dass es schwierig ist, für beide Partner nach einem Umzug gute Arbeitsstellen zu finden. Dies könnte sich jedoch danach unterscheiden, wie fortgeschritten die Gleichstellung zwischen Frauen und Männer in einem Land ist. In Ländern wie Australien, Deutschland und Großbritannien, in denen die Gleichstellung von Frauen und Männern weniger fortgeschritten ist, könnte der Unterschied in der Umzugshäufigkeit geringer ausfallen. In diesen Ländern geht die Karriere des Mannes vor und es ist weniger bedeutsam, ob Frauen nach einem Umzug zunächst keine Arbeitsstelle haben. In Ländern mit fortgeschrittener Gleichstellung wie Schweden könnte die Karriere der Frau hingegen eine größere Rolle spielen.

Sergi Vidal und Francisco Perales von der Universität Queensland, Philipp Lersch vom ISS und Maria Brandén von der Universität Stockholm untersuchten diese Annahme in einer neuen Studie. Sie führten dafür repräsentative Daten aus Australien, Deutschland, Großbritannien und Schweden zusammen.

Die AutorInnen zeigen, dass Doppelverdienerpaare in Deutschland, Großbritannien und Schweden weniger häufig umziehen als Paare mit männlichen Alleinverdienern. In Australien ist dies nicht der Fall. Anders bei Paaren mit Kindern, in denen Frauen oft in geringerem Umfang als ihre Partner erwerbstätig sind: Hier ziehen Doppelverdienerpaare in Australien, Deutschland und Großbritannien ähnlich häufig um wie Paare mit männlichen Alleinverdienern. Im Gegensatz dazu sind Doppelverdienerpaare in Schweden deutlich weniger mobil als Paare mit männlichem Alleinverdiener. Dies könnte bedeuten, dass die starke Gleichstellung in Schweden dazu führt, dass die Karriere der Frau ebenso wie die des Mannes bei der Umzugsentscheidung berücksichtigt wird.

In Deutschland ist die Erwerbstätigkeit der Frau weniger wichtig für die Frage, ob Paare umziehen oder nicht. Die geringe Gleichstellung in Deutschland wird noch in einem anderen Punkt deutlich: Doppelverdienerpaare und Paare mit männlichen Alleinverdienern ziehen in Deutschland häufiger um, wenn der Mann in einer Führungsposition arbeitet.

März 2017

 

Wussten Sie schon, dass Menschen, die immer nach der besten Entscheidung streben, anders glücklich sind?

 

Menschen unterscheiden sich dahingehend, wie sehr sie die bestmögliche Entscheidung in alltäglichen Entscheidungssituationen treffen wollen. In der Psychologie heißen Personen, die immer nach der besten Entscheidung streben, hohe Standards haben und mit der zweitbesten Option nicht zufrieden sind, „Maximizer“. Personen, die mit der Suche aufhören und eine Entscheidung treffen, sobald sie eine akzeptable Option gefunden haben, die bestimmten Grundkriterien entspricht, bezeichnet man hingegen als „Satisficer“. Die Frage ist nun: Sind Maximizer glücklicher im Leben? Eigentlich sollten sie es sein, weil sie hohe Standards haben und am Ende sehr wahrscheinlich oft das Beste finden. Oder ist ein solches Verhalten ein Rezept, unglücklich zu werden, weil Maximizer immer mit dem Zweifel leben müssen, dass sie sich besser hätten entscheiden können, wenn sie mehr gesucht hätten? Lange wurde in der Entscheidungsforschung angenommen, dass Maximizer weniger glücklich in ihrem Leben sind als Satisficer, denn allein der Gedanke, dass es etwas Besseres geben könnte, lässt die Maximizer das Leben nicht in vollen Zügen genießen.

Neuere Studien stellen diese Annahme allerdings in Frage. In diesem Kontext ist auch eine neue Studie von ISS-Forscher Michail Kokkoris angesiedelt. Diese Studie legt nahe, dass man für die Frage, ob Maximizer tatsächlich weniger glücklich im Leben sind als Satisficer, zwischen zwei Arten von Glück unterscheiden sollte. Einerseits kann Glück bedeuten, Vergnügen zu suchen und Schmerz zu vermeiden, d.h., mehr positive als negative Emotionen zu erleben. Diese Art von Glück wird als hedonistisches Glück bezeichnet. Andererseits kann Glück auch bedeuten, das eigene Potential zu erkennen und Selbsterfüllung zu erlangen. Zum Beispiel ist man glücklich, wenn man sich mit Aktivitäten befasst, die einem persönlich etwas bedeuten und das eigene Selbst widerspiegeln, so wie die Verbesserung der eigenen Fähigkeiten (z.B. trainieren), der Erwerb von neuen Fähigkeiten (z.B. Klavier spielen), oder anderen zu helfen (z.B. ehrenamtliche Arbeit). Solche Aktivitäten sind nicht unbedingt vergnüglich an sich, aber geben dem Leben Sinn und motivieren Menschen, ihr volles Potential zu entfalten. Diese Art von Glück wird als eudaimonistisches Glück bezeichnet.

Frühere Studien in Bezug auf Maximierung und Glück haben diesen Aspekt von Selbsterfüllung komplett vernachlässigt. Allerdings müsste eine vollständige Antwort auf die Frage, ob Maximizer weniger glücklich sind als Satisficer, beide Arten von Glück betrachten – nicht nur Vergnügen, sondern auch Selbsterfüllung. Die Ergebnisse der Untersuchung von Michail Kokkoris zeigen, dass Maximizer hinsichtlich ihrer Selbsterfüllung höhere Werte als Satisficer aufwiesen. Diese Befunde widersprechen der seit langem bestehenden Annahme, dass Maximizer unglücklich sind. Obwohl sie vielleicht nicht glücklicher sind als Satisficer im Sinne von Vergnügen und positiven Emotionen, führen sie doch ein gehaltvolleres Leben. Das Streben nach der besten Entscheidung gibt den Menschen Möglichkeiten, sich zu entwickeln und Chancen zu ergreifen. Das ist nicht unbedingt mit mehr Vergnügen verknüpft, aber auf jeden Fall mit Sinn, Selbstverwirklichung und Selbsterfüllung – und die sind auch wichtige Aspekte des menschlichen Glücks.

Februar 2017

 

Wussten Sie schon, dass vor allem zuvor Arbeitslose vom Ruhestand profitieren?

 

Bisweilen geht man davon aus, dass sich die Lebensumstände beim Eintritt in den Ruhestand gravierend verändern. Man bezeichnet diesen daher auch als kritisches Lebensereignis. Die Forschungsergebnisse hierzu sind jedoch sehr heterogen: Einige Studien finden einen Anstieg der Lebenszufriedenheit, andere eine Abnahme und wiederum andere Studien finden keine diesbezügliche Veränderung.

ISS-Forscher Martin Wetzel und seine Kollegen Oliver Huxhold und Clemens Tesch-Römer vom Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) haben nun die Daten einer der größten deutschlandweiten Wiederholungsbefragungen, des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP), analysiert. Sie konnte für über 3.300 Frauen und Männer, die in den Ruhestand eingetreten sind, Veränderungen von Lebenszufriedenheiten über sechs Jahre vor dem Ruhestand bis zu acht Jahre nach dem Renteneintritt beobachten.

Die Autoren konnten in ihrer Studie zeigen, dass Personen, die vor dem Übergang in den Ruhestand arbeitslos waren, nach dem Renteneintritt deutlich zufriedener mit ihrem Leben sind, als zuvor. Im Vergleich: Bei Menschen, die aus einer Erwerbstätigkeit direkt in den Ruhestand wechseln, erhöht sich die Lebenszufriedenheit nach einem Jahr durchschnittlich nur leicht. Die Alternsforscher interpretieren diese Ergebnisse als Hinweis darauf, dass der Ruhestand ein gesellschaftlich anerkanntes und erwartbares Lebensereignis ist. Für Menschen, die vor dem Renteneintritt erwerbstätig waren, stellt der Ruhestand keine Änderung in ihrem sozialen Status dar. Zuvor Erwerbslose gewinnen aber durch den Ruhestand, denn das Stigma, in der ‚Lebensphase der Arbeit‘ erwerbslos zu sein, verschwindet.

In der Entwicklung bis zu acht Jahre nach dem Übergang zeigt sich eine weitere Veränderung: Höhergebildete können ihre Lebenszufriedenheit besser aufrechterhalten, als Personen mit niedrigerem Bildungsniveau. Die Wissenschaftler erklären dies damit, dass Menschen mit höherer Bildung wahrscheinlich besser darin sind, neue langfristig zufriedenstellende Alltagsstrukturen aufzubauen. Sie haben im Laufe ihres Lebens Kompetenzen erworben, die ihnen beim Renteneintritt von Vorteil sein können. Daher meistern sie den Ruhestandsübergang besser. Die Folge ist, dass die Unterschiede in der Lebenszufriedenheit innerhalb der Gruppe der Ruheständlerinnen und Ruheständler zunehmen. Der Renteneintritt verringert also kurzfristig soziale Unterschiede, langfristig vergrößert er sie jedoch wieder.

Januar 2017

 

Wussten Sie schon, dass der Glaube an wissenschaftlichen Fortschritt zufriedener mit dem Leben macht, als der Glaube an Gott?

 

Religiosität macht zufrieden – das ist in zahlreichen Studien nachgewiesen worden. Der Glaube an eine höhere Macht hilft, auch dann ein Gefühl von Kontrolle zu bewahren, wenn es im Hier und Jetzt chaotisch zugeht. Er verhindert Existenzängste, indem er die Welt ordnet und vorhersagbar macht.

Aber in modernen Gesellschaften glauben immer weniger Menschen an Gott. Wer ernsthaft krank wurde, der betete früher zum Allmächtigen – heute vertrauen zumindest in westlichen Ländern viele Patienten lieber auf die moderne Medizin. Für Sozialwissenschaftler ist es eine spannende Frage, wie sich dieser Wandel auswirkt.

Kann der Glaube an wissenschaftlichen und technischen Fortschritt Menschen ein Gefühl von Kontrolle vermitteln, so wie es die Religion kann, und sie so zufrieden und glücklich machen? Diese Frage haben Olga Stavrova, Daniel Ehlebracht und Detlef Fetchenhauer in einem Artikel untersucht, für den sie Daten aus zwei repräsentativen internationalen Bevölkerungsstichproben analysierten.

Zunächst zeigten die AutorInnen, dass Niederländer tendenziell zufriedener mit ihrem Leben waren, je mehr sie an den Fortschritt von Wissenschaft und Technik glaubten. Ob sie religiös waren, spielte eine deutlich kleinere Rolle. Dieser Zusammenhang ließ sich zum Teil dadurch erklären, dass vom Fortschritt überzeugte Menschen das Gefühl hatten, ihr Leben unter Kontrolle zu haben.

Allerdings sind die Niederlande ein eher säkulares Land – und die AutorInnen vermuteten, dass Fortschrittsglaube Menschen vor allem dann zufrieden macht, wenn sie in Gesellschaften leben, in denen er vergleichsweise verbreitet ist. Denn wir fühlen uns besonders dann gut, wenn andere um uns herum die Welt so wahrnehmen wie wir selbst: Das erleichtert den sozialen Umgang und gibt uns das Gefühl, mit unseren Sichtweisen richtigzuliegen.

Also testeten die AutorInnen das Ergebnis zudem mit Daten aus 72 Ländern. In 69 von ihnen fanden sie einen deutlichen positiven Zusammenhang zwischen dem Glauben an den Fortschritt und Lebenszufriedenheit, während Religiosität nur in 23 der untersuchten Länder positiv und in zehn Ländern sogar negativ mit Lebenszufriedenheit zusammenhing.

Erneut hatten fortschrittsgläubige Menschen eher das Gefühl, ihr Leben kontrollieren zu können; und tatsächlich waren sie vor allem dann zufriedener mit ihrem Leben, wenn viele ihrer Mitbürger ihren Glauben an den Fortschritt von Wissenschaft und Technik teilten. Es kommt also nicht nur darauf an, was wir glauben – sondern auch, wo wir es glauben. Glücklich machen kann jedenfalls nicht nur der Glaube an Gott.

Dezember 2016

 

Wussten Sie schon, dass die Zusammensetzung der sozialen Kontakte im Alter die Lebenserwartung beeinflusst?

 

Starke soziale Partizipation und die Integration in soziale Beziehungsgeflechte gelten allgemeinhin als gesundheitsfördernd. So zeigten zahlreiche Studien bereits einen Zusammenhang mit geringerer Sterblichkeit und demzufolge höherer Lebenserwartung im Alter. Vieler dieser Studien beziehen sich auf Familiennetzwerke. Weniger bekannt ist hingegen über den Einfluss von sozialer Integration in außerfamiliäre Netzwerke, also Kontakte außerhalb der Familie zu Freunden, Nachbarn oder Kollegen.

ISS-Forscherin Lea Ellwardt hat diesen Einfluss gemeinsam mit Kollegen der Freien Universität Amsterdam und des NOVA Institutes in Oslo genauer untersucht. Die Forscher vermuteten dabei, dass eine komplexe Zusammensetzung der Kontakte in außerfamiliären Netzwerken die Überlebenschancen im Alter steigert: Netzwerke sollten nicht nur groß, sondern auch vielfältig in ihrer Zusammensetzung sein, da diese potentiell viele verschiedenartige Unterstützungsleistungen beinhalten und die Abhängigkeit von einzelnen nützlichen Kontakten mindern.

In ihrer kürzlich veröffentlichten Studie analysierten die Forscher Sterbe- und Umfragedaten von 2440 Frauen und Männern im Alter von 54 bis 100 Jahren, welche im Rahmen der LASA Longitudinal Aging Study Amsterdam über 20 Jahre hinweg befragt wurden. Die Forscher konnten zeigen, dass Individuen mit größeren und vielfältigeren Beziehungsgeflechten über größere Überlebenschancen verfügen als Individuen mit weniger vielfältigen Beziehungsgefügen außerfamiliärer Kontakte. Dieses Ergebnis zeigte sich unabhängig von der Gesamtanzahl der Familienkontakte sowie vom Gesundheitszustand.

Insgesamt waren die Unterschiede eher gering. Dennoch schlussfolgern die Forscher, dass in Zukunft besonders außerfamiliäre Kontakte einen entscheidenden Unterschied machen können, wo ältere Menschen wenig Zugang zu familiärer Unterstützung haben und zunehmend auf außerfamiliäre Hilfe angewiesen sind.

November 2016

 

Wussten Sie schon, dass Deutsche in der Schweiz mehr verdienen als Schweizer?

 

Niedrige Arbeitslosenquoten und die enorme Wirtschaftskraft gemessen an der Einwohnerzahl machen die Schweiz für Migranten vieler Länder hoch attraktiv. Die Vielzahl unterschiedlicher Nationalitäten und auch der hohe Anteil gut qualifizierter Arbeitskräfte aus Deutschland, die in der Schweiz ihr Glück suchen, gaben Anlass für eine genauere Analyse der Integration unterschiedlicher Migrantengruppen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt.

Die von ISS-Forscher Christian Ebner und seinem Kollegen Marc Helbling (Universität Bamberg) durchgeführte Studie stützt sich auf Daten der repräsentativen Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) für die Jahre 2010 und 2011. Die SAKE umfasst Personen, die ihren Wohnsitz dauerhaft in der Schweiz haben und beinhaltet eine zusätzliche Ausländerstichprobe, so dass aussagekräftige Ergebnisse für verschiedene Migrantengruppen erzielt werden können. Die Untersuchungspopulation setzt sich aus Erwachsenen im Alter von 25 bis 64 Jahren zusammen, die einer bezahlten Arbeit nachgehen.

Die Auswertungen machen deutlich, dass die Bruttolöhne von Zuwanderern in der Schweiz je nach Herkunftsland sehr stark variieren. Der durchschnittliche Lohn von deutschen Zuwanderern liegt dabei sogar etwas über dem der Einheimischen. Abgesehen davon, dass Zuwanderer aus Deutschland zu großen Anteilen über einen Hochschulabschluss verfügen und deutsch eine der Schweizer Landessprachen ist, dürfte insbesondere die Ähnlichkeit der Bildungssysteme der beiden Länder für deutsche Zuwanderer von Vorteil sein. Damit ist es Deutschen möglich, gezielt Fachkräftelücken zu füllen und entsprechende Lohnprämien zu erzielen. Für viele Migrantengruppen in der Schweiz zeigen sich dagegen deutliche Einkommensnachteile gegenüber Schweizern. Es deutet sich an, dass die Löhne verschiedener Zuwanderergruppen mit zunehmender sozialer Distanz zur Schweiz – gemessen über Sprache, Kultur und Bildungssystem – sinken. Vor allem Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei verdienen im Mittel erheblich weniger als Schweizer. Die Ergebnisse legen auch migrationsgruppenspezifische Politiken, etwa gezielte Investitionen in Sprache und Bildung, nahe.

Oktober, 2016

 

Wussten Sie schon, dass religiöse Christen in Europa im Durchschnitt toleranter gegenüber islamischem Religionsunterricht und dem Kopftuch für Lehrerinnen sind?

 

Eine von der Europäischen Kommission geförderte Studie (EURISLAM-Umfrage) in sechs europäischen Ländern ergab, dass religiöse Christen und Muslime die religiösen Rechte der anderen Gruppe in stärkerem Maße unterstützen als weniger religiöse Menschen. Dies suggeriert, dass religiöse Menschen sich mit anderen Religionen bei der Diskussion um religiöse Rechte solidarisieren. 

Sarah Carol (Universität zu Köln), Marc Helbling (Universität Bamberg) und Ines Michalowski (WZB) untersuchten die Einstellungen zu religiösen Rechten für Christen und Muslime in Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und der Schweiz. Ihre Analysen basieren auf der EURISLAM-Umfrage unter mehr als 7,000 Menschen sowohl ohne Migrationshintergrund als auch mit jugoslawischem, türkischem, marokkanischem und pakistanischem Migrationshintergrund und mindestens einem muslimischen Elternteil. Dabei wurden Einstellungen zu religiösen Symbolen bei Lehrerinnen (Kopftuch und christliche Symbole wie Kreuz und Habit) und Religionsunterricht für Christen und Muslime an staatlichen Schulen abgefragt.

Die WissenschaftlerInnen konnten zeigen, dass es bei den Befragten keine Ablehnung religiöser Rechte per se gibt. Dabei wird die Kopfbedeckung für Lehrerinnen stärker abgelehnt als der Religionsunterricht für Muslime. Nicht nur Menschen ohne Migrationshintergrund sind im Durchschnitt kritischer gegenüber Kopftüchern für Lehrerinnen eingestellt, auch Menschen mit Migrationshintergrund selbst. Hierbei gibt es jedoch Unterschiede zwischen Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, der Türkei, Marokko und Pakistan. Menschen aus Marokko und Pakistan befürworten religiöse Rechte in stärkerem Ausmaße als Menschen aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien.

Die Befragung förderte auch ländertypische Besonderheiten zu Tage:

Berücksichtigt für Geschlecht, Alter und Bildungsgrad der Befragten, zeigt sich in den Niederlanden die höchste Akzeptanz für das Kopftuch bei Lehrerinnen (Menschen ohne Migrationshintergrund 45%, Migranten 79%). In Deutschland haben dies hingegen nur 36% der Menschen ohne Migrationshintergrund und 66% der Migranten gesagt. Im Durchschnitt findet der christliche und islamische Religionsunterricht bei Menschen ohne Migrationshintergrund die stärkste Unterstützung in Deutschland und Belgien (rund 70% der Einheimischen), die niedrigste in Frankreich und Großbritannien. Schweiz und Niederlande liegen dazwischen. In Frankreich tut sich bei der Bewertung des Religionsunterrichtes an Schulen die größte Kluft in den Einstellungen zwischen der muslimischen Minderheit und der Mehrheitsgesellschaft auf, was ein erhöhtes Konfliktpotential birgt. 

August/September, 2016

 

 

Wussten Sie schon, dass Mitgefühl bei der Akzeptanz von Einwanderern eine größere Rolle spielt als wirtschaftliche Verwertbarkeit?

 

Seit eineinhalb Jahren prägen die Proteste der (PE)GIDA-Bewegungen, der Erfolg der AfD und die steigende Zahl an Menschen, die nach Deutschland flüchten, die medialen und politischen Debatten der Bundesrepublik. Ein zentraler Streitpunk ist die Frage, wer in Deutschland willkommen sein sollte und wer nicht. Eine im aktuellen Heft der KZfSS erschienene Studie von Christian Czymara und Alexander Schmidt-Catran greift diese Auseinandersetzung auf, indem untersucht wird, welche Eigenschaften die Akzeptanz beeinflussen, die Eingewanderten entgegengebracht wird. Hierzu wurde ein faktorieller Survey durchgeführt, bei dem die Befragten 14 fiktive Einwanderinnen und Einwanderer auf drei Dimensionen bewerten sollten: das generelle Recht in Deutschland zu leben, das Recht in Deutschland zu arbeiten sowie das Recht auf Bezug von wohlfahrtsstaatlichen Leistungen.

Generell ist die befragte Stichprobe gegenüber Zuwanderung recht positiv eingestellt, viele akzeptieren alle Eingewanderten, unabhängig von deren Merkmalen. Allerdings weist ein bedeutsamer Anteil an Befragten auch alle Personen konsequent ab. Dies gilt insbesondere für das Recht auf wohlfahrtsstaatliche Leistungen. Hinsichtlich des Arbeitsrechts weisen hingegen die meisten Befragten eine deutlich liberalere Einstellung auf.

Betrachtet man die Effekte, die bestimmte Merkmale von Einwanderern auf ihre Akzeptanz haben, so zeigt sich, dass der wahrgenommene Einfluss, den der oder die Eingewanderte auf Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt hat, von zentraler Bedeutung ist: Personen mit besserer Qualifikation, guten Kenntnissen der deutschen Sprache und der Aussicht auf einen Arbeitsplatz wird deutlich mehr Akzeptanz entgegengebracht. Ängste vor persönlicher beruflicher Konkurrenz und wirtschaftliches Eigeninteresse spielen bei den Befragten für die Bewertung hingegen kaum eine Rolle.

Die höchste Akzeptanz wird allerdings Menschen entgegengebracht, die vor politischer Verfolgung geflüchtet sind. Dies ist ein Hinweis darauf, dass Mitgefühl unter bestimmten Umständen Überlegungen über die wirtschaftliche Nützlichkeit von Eingewanderten entgegenwirken kann. Neben ökonomischen Überlegungen beeinflussen aber auch kulturelle Faktoren die den Eingewanderten entgegengebrachte Akzeptanz: Personen aus dem Deutschland ähnlicheren Frankreich werden eher akzeptiert als solche aus Kenia oder dem Libanon. Zudem werden Menschen muslimischen Glaubens weniger akzeptiert als Christen oder Nichtreligiöse.

Juli, 2016

 

Wussten Sie schon, dass der Anstieg der Scheidungsraten in Deutschland nicht durch eine veränderte Rolle der Frau erklärt werden kann?

 

In Deutschland steigen die Ehescheidungsraten seit über 100 Jahren fast kontinuierlich an. Erst in jüngster Zeit könnte es zu einem Stillstand dieses Trends gekommen sein. Eine in der Familiensoziologie sehr prominente These besagt, dass der Anstieg der Ehescheidungsraten durch einen Wandel der Frauenrolle erklärt werden könne. Dieser Wandel zeigt sich vor allem bei den steigenden Bildungs- und Erwerbschancen von Frauen. Die Frage ist nun, ob das steigende Bildungsniveau der Frauen und ihre zunehmende Erwerbstätigkeit den Anstieg der Ehescheidungsraten erklären könnten. Frauen, die erwerbstätig sind und über ein eigenes Einkommen verfügen, müssen nicht aus finanziellen Gründen verheiratet bleiben, wenn ihre Ehe gescheitert ist. Zudem sind für gut ausgebildete und erwerbstätige Frauen die negativen ökonomischen Folgen einer Ehescheidung wahrscheinlich weniger gravierend. Schließlich kann man unterstellen, dass eine Erwerbstätigkeit beider Partner dazu führen kann, dass keiner der Ehepartner davon profitiert, dass der andere Partner voll und ganz für die eher ungeliebte Hausarbeit zuständig ist.

In den empirischen Analysen von Michael Wagner, Lisa Schmid (ISS) und Bernd Weiß (heute: Universität Duisburg-Essen) werden Daten der German Life History Study (GLHS) verwendet. Dieser Datensatz enthält Informationen über Ehen, die zwischen 1936 und 2005 geschlossen wurden, wobei sechs Heiratsjahrgänge (1936-1945, 1946-1955, 1956-1965, 1966-1975, 1976-1985, 1986-2005) unterschieden werden. Die Analysen beschränken sich auf Westdeutschland, da sich die Ehescheidungsraten in Ost- und Westdeutschland unterschiedlich entwickelt haben. Je jünger der Heiratsjahrgang ist, desto mehr Ehen werden geschieden. Dieser Befund deckt sich mit entsprechenden Zahlen der amtlichen Statistik. Das Bildungsniveau der Frauen sowie der Anteil der Frauen, die jemals während ihrer Ehe erwerbstätig waren, steigen von Heiratsjahrgang zu Heiratsjahrgang. Dennoch kann damit nicht erklärt werden, dass das Scheidungsrisiko bei Ehen, die in jüngster Zeit geschlossen wurden, deutlich höher ist als bei Ehen, die vor längerer Zeit geschlossen wurden. Weder ist es so, dass der zunehmende Anteil gut ausgebildeter oder erwerbstätiger Frauen den Anstieg der Scheidungsraten über die Heiratsjahrgänge hinweg aufklärt, noch haben sich die Einflüsse des Bildungsniveaus oder der Frauenerwerbstätigkeit auf das Scheidungsrisiko mit der Zeit markant verändert. In unserem Artikel (Wagner et al. 2015) werden alternative Erklärungsmöglichkeiten für die historische Entwicklung der Scheidungsraten diskutiert. So ist es wahrscheinlich, dass die normativen Barrieren, die einer Scheidung entgegenstehen können, abgebaut wurden. Ferner können die (Selbstverwirklichungs-)Ansprüche an den Ehepartner oder die Ehepartnerin gestiegen sein, sodass immer Paare mehr diesen Anforderungen nicht gerecht werden können. Möglicherweise ist demnach nicht so sehr ein sozialstruktureller, sondern ein kultureller Wandel für den historischen Anstieg der Ehescheidungsraten verantwortlich.

Juni, 2016

 

Wussten Sie schon, dass die Genossenschaft eine attraktive Rechtsform für gemeinsames Wirtschaften darstellt?

 

Eine erhöhte Neugründungsaktivität insbesondere im Bereich erneuerbarer Energien hat die Rechtsform der Genossenschaft im Allgemeinen und ihre Eignung für Bürgerinitiativen im Besonderen wieder ins Bewusstsein von Öffentlichkeit und Politik gerückt. Dies findet Ausdruck im Koalitionsvertrag der 18. Legislaturperiode, in welchem die Förderung der Genossenschaft an mehreren Stellen genannt wird. Vor diesem Hintergrund haben Johannes Blome-Drees, Philipp Degens und Clemens Schimmele vom Seminar für Genossenschaftswesen gemeinsam mit der Kienbaum Management Consultants GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie eine Studie zum Thema „Potenziale und Hemmnisse von unternehmerischen Aktivitäten in der Rechtsform der Genossenschaft“ erstellt.

Die Studie identifiziert genossenschaftliche Gründungspotenziale, indem sie aufzeigt, für welche Problemlagen die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft (eG) Lösungspotenziale bietet und weshalb sie gegebenenfalls bislang nicht verwirklicht wurden. Um die enorme Heterogenität genossenschaftlichen Wirtschaftens begrifflich zu ordnen, werden fünf Kernbereiche identifiziert: Regionalentwicklung und lokale Daseinsvorsorge, Wohnen, Energie, Gesundheit und Soziales sowie mittelständische Kooperationen, Handwerk und Unternehmensnachfolgen. Berücksichtigt werden in besonderem Maße die Auswirkungen der Novelle des Genossenschaftsgesetzes von 2006. Zudem wird untersucht, wie die Attraktivität der eG in Zukunft weiter erhöht werden kann, ob die Gründung von Genossenschaften erleichtert bzw. vereinfacht und ob etwaige Benachteiligungen der eG gegenüber anderen Rechtsformen beseitigt werden können.

Im Ergebnis liefert die Studie wichtige empirische Ergebnisse zu verschiedenen Diskussionen, die unter den beteiligten Akteuren bereits seit Jahren zum Teil kontrovers geführt werden. Während sich alle Beteiligten darin einig sind, dass Genossenschaften großes Lösungspotenzial für aktuelle und zukünftige wirtschaftliche und gesellschaftliche Problemstellungen bieten, wird es vom politischen Willen abhängen, welche der skizzierten Maßnahmen ergriffen werden, um bestehende Hemmnisse abzubauen, sodass genossenschaftliche Potenziale noch stärker ausgeschöpft werden können.

Mai, 2016

 

Wussten Sie schon, dass Geringqualifizierte mit Migrationshintergrund im Schnitt besser verdienen als solche ohne Migrationshintergrund?

 

Zwar werden sie oft als Integrationsversager und gesellschaftliche Verlierer dargestellt, aber Migranten mit geringer beruflicher Qualifikation haben oft ein höheres Einkommen als gleich-qualifizierte Arbeitnehmer ohne Migrationshintergrund. Dies gilt insbesondere für Gruppen mit typischerweise bildungsfernen Herkunftsfamilien. So verdienen in Deutschland geborene Schulabbrecher mit türkischem Hintergrund ungefähr 2,20 Euro mehr pro Stunde als Einheimische ohne Schulabschluss. Sie verdienen mehr, weil sie Tätigkeiten ausüben, die eigentlich ein höheres Bildungsniveau verlangen, etwa als Maschinenführer, Anlagenbediener oder Baugeräteführer. Für Menschen mit italienischem und griechischem Hintergrund fallen die Ergebnisse ähnlich aus. Im Gegensatz dazu schaffen Geringqualifizierte ohne Migrationshintergrund den Schritt in anspruchsvollere Beschäftigungen nur selten.

Gemeinsam mit Jutta Höhne (WSI – Hans Böckler Stiftung) und Céline Teney (Universität Bremen) verglich ISS-Forscher Merlin Schaeffer in einer Studie anhand der Daten des Mikrozensus 2005-2011 die Einkommen von Einheimischen mit denen von Migranten, die in Deutschland die Schule besucht haben. Damit die Ergebnisse wirklich vergleichbar sind, untersuchten sie nur jenen Teil des Einkommens, der statistisch weder auf individuelle Eigenschaften wie etwa Alter, Geschlecht und Familienstand, noch auf das regionale Lohnniveau und eine Reihe weiterer arbeitsmarktrelevanter Bedingungen zurückgeführt werden kann.

Die Befunde der drei Soziologen erklären sich vor dem Hintergrund der Forschung zu Bildungserfolgen von Kindern mit Migrationshintergrund: Die Kinder von Einwanderern setzen sich trotz ihrer weniger guten schulischen Leistungen hohe Bildungsziele und sind ausgesprochen motiviert, ihren sozialen Status zu verbessern. Denn wer die Auswanderung in ein anderes Land auf sich nimmt, tut dies meist mit dem festen Vorsatz, sich ein besseres Leben aufzubauen. Die Ambitionen der eingewanderten Eltern spiegeln sich in den hochgesteckten Zielen ihrer Kinder wider. Zugleich können Einwanderer ihren Kindern jedoch häufig nicht genügend bei den Hausaufgaben und bei der Entscheidung über die Schullaufbahn zur Seite stehen, weil es ihnen selbst an Sprachkenntnissen, Bildung und materiellen Ressourcen fehlt und ihnen das deutsche Schulsystem nicht vertraut ist. Aufgrund dieser Benachteiligung können die Kinder von Einwanderern oft nicht die Bildungszertifikate erwerben, die ihren hohen Ambitionen, ihrem Fleiß und ihrem Durchhaltevermögen entsprechen würden.

Die formalen Zeugnisse von geringqualifizierten Migranten sind also weniger als bei Geringqualifizierten ohne Migrationshintergrund ein Ausdruck geringer Leistungsbereitschaft oder Zuverlässigkeit.

April, 2016

 

Wussten Sie schon, dass 10 % der Erwerbstätigen Pillen zur Leistungssteigerung schlucken würden?

 

Wären Sie bereit ein verschreibungspflichtiges Medikament einzunehmen, um sich besser konzentrieren, mehr merken und länger wach bleiben zu können – obwohl Sie gesund sind? Immerhin 10 % von etwa 6.000 befragten Erwerbstätigen sind grundsätzlich bereit Pillen zu schlucken, die eigentlich für die Behandlung von Krankheitssymptomen wie Vergesslichkeit, Hyperaktivität oder Schlaf-Wach-Störungen bestimmt sind. Dies ergab eine kürzlich veröffentlichte Studie von ISS-Forscher Sebastian Sattler und seinem Bielefelder Kollegen Reinhard Schunck. Etwa drei von 100 Befragten gaben an, solche Medikamente für sogenanntes Cognitive Enhancement bereits eingenommen zu haben.

Die Studie ergab außerdem, dass Befragte, die sich als besonders gewissenhaft beschreiben, in geringerem Maße als andere bereit sind, Cognitive Enhancer einzunehmen. Gewissenhafte Menschen würden aufgrund ihrer besseren Fähigkeit, ihre Arbeit zu planen und zu organisieren, weniger Bedarf verspüren, ihre Leistungsfähigkeit mit solchen Mitteln zu verbessern. Zudem halten sich gewissenhafte Menschen auch eher an soziale Normen und Regeln. Da die Zweckentfremdung von Medikamenten mehrheitlich als unfair angesehen wird und die Beschaffung mit Gesetzesübertretungen verbunden sein kann, könnten gewissenhafte Menschen auch aus diesem Grund eher vom Gebrauch von Cognitive Enhancern absehen.

Frauen sind laut der Studie häufiger geneigt, Cognitive Enhancer einzunehmen. Der Wunsch durch Medikamenten leistungsfähiger zu sein, könnte darin begründet sein, dass Frauen durch eine strukturelle Diskriminierung härter arbeiten müssen, um beruflich erfolgreich zu sein, aber auch mehr Anforderungen durch Beruf, Familie und Haushalt ausgesetzt sind.

Cognitive Enhancer sind auch an Universitäten ein Thema, wie Sebastian Sattler und Kollegen in zwei weiteren Studien zeigen konnten: etwa 10 % der Lehrenden an deutschen Universitäten sind bereit, solche leistungssteigernden Mittel einzunehmen. Der Anteil derjenigen, der dies tatsächlich tut, ist mit weniger als 1 % % jedoch deutlich geringer als unter Studierenden, wo der entsprechende Wert bei knapp 5 % liegt. Insbesondere Leistungs- und Prüfungsangst führe zu deren Einnahme, wohingegen die Furcht vor Nebenwirkungen davon abschrecke.

März, 2016

 

Wussten Sie schon, dass Zynismus Ihrem Geldbeutel schadet?

 

Menschen haben meistens ganz bestimmte Ansichten darüber, ob andere Menschen im Allgemeinen eher gut, ehrlich und vertrauenswürdig oder egoistisch, hinterlistig und böse sind. Doch wie wirken sich diese sehr unterschiedlichen Menschenbilder auf das Leben von Zynikern und Idealisten aus?

Während vorherige Studien zeigen konnten, dass Zyniker im Vergleich zu Idealisten häufig ein geringeres allgemeines Wohlbefinden, schlechtere physische und psychische Gesundheit, eine höhere Sterblichkeit und schlechtere soziale Beziehungen aufweisen, wurde in einer kürzlich veröffentlichten Studie von Olga Stavrova und Daniel Ehlebracht der Frage nachgegangen, wie sich Zynismus auf den wirtschaftlichen Erfolg von Menschen auswirkt. Hierbei könnte man zunächst vermuten, dass Zyniker in besonderem Maße vor Betrug und Ausbeutung geschützt sind und es Ihnen daher finanziell besser gehen sollte als gutgläubigen Idealisten. Die Autoren argumentieren hingegen, dass Zyniker die Gefahr hintergangen zu werden meistens deutlich überschätzen. Somit verpassen sie wertvolle Gelegenheiten, mit anderen gewinnbringend zu kooperieren und dadurch mit vereinter Kraft ihre Ziele zu erreichen.

Längsschnittanalysen repräsentativer Datensätze aus den USA und Deutschland bestätigten diese Hypothese und zeigten, dass ein zynisches Menschenbild zu einem geringerem Durchschnittseinkommen und einer flacheren Einkommensentwicklung führt als ein idealistisches Menschenbild. Für Zyniker wiegen die Kosten verpasster Kooperation finanziell also tatsächlich schwerer als der Schutz vor vermeintlicher Ausbeutung. In einer abschließenden kulturvergleichenden Analyse mit repräsentativen Stichproben aus 41 Ländern konnte zudem gezeigt werden, dass die finanziellen Auswirkungen von Zynismus umso negativer sind, je freundlicher das soziale Klima in einem Land ist. Wenn das soziale Klima eines Landes von großer Hilfsbereitschaft und einer niedrigen Kriminalitätsrate geprägt ist, führt Zynismus in der Regel zu beträchtlichen finanziellen Einbußen. In Ländern, die durch vergleichsweise niedrige Hilfsbereitschaft und eine hohe Kriminalitätsrate geprägt sind, ließ sich hingegen oftmals kein negativer Zusammenhang zwischen Zynismus und Einkommen beobachten.

Die Befunde legen somit die Schlussfolgerung nahe, dass Zyniker im Allgemeinen ein unrealistisch negatives Menschenbild pflegen, welches sie dazu veranlasst, anderen ungerechtfertigt zu misstrauen und Kooperation zu vermeiden. In Folge dieser verpassten Gelegenheiten zur gegenseitigen Hilfe müssen Zyniker im Vergleich zu Idealisten in den meisten soziokulturellen Kontexten finanzielle Einbußen in Kauf nehmen. Den Autoren zufolge kann es sich daher häufig auch finanziell lohnen, zynische Einstellungen abzulegen und andere Menschen in einem wohlwollenderen Licht zu betrachten.

Februar, 2016

 

Wussten Sie schon, dass es bei der Besetzung von Führungspositionen fast keine Rolle mehr spielt, aus welcher sozialen Schicht man kommt?

 

In Deutschland hängt der Bildungserfolg erheblich von der sozio-ökonomischen Situation des Elternhauses ab. Diese Ungleichheiten setzen sich in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen fort, zum Beispiel sind Personen mit hoher sozialer Herkunft insgesamt eher in status- und prestige¬trächtigen Berufen beschäftigt und haben häufiger eine Management- und Führungsposition inne. Gibt es derartige Ungleichheiten allerdings auch dann noch, wenn man die am höchsten gebildeten Personen betrachtet, die Absolventen von Universitäten und Fachhochschulen? Wenn Kinder aus niedrigeren Herkunftsschichten einen Hochschulabsolventen erreichen, haben sie dann die gleichen Chancen wie diejenigen aus besser gestellten Familien?

Eine kürzlich veröffentlichte Studie von Marita Jacob (ISS, Universität zu Köln), Cristina Iannelli (University of Edinburgh) und Markus Klein (University of Strathclyde) hat zur Beantwortung dieser Frage die berufliche Positionierung von Hochschulabsolventen in Deutschland und Großbritannien verglichen.

Eine Analyse von Hochschulabsolventen ein und fünf Jahre nach ihrem Abschluss im Jahr 2006 ergab, dass beim Berufseinstieg in beiden Ländern Absolventen aus privilegierten Elternhäusern im Durchschnitt eine höhere Wahrscheinlichkeit besitzen, in eine Führungsposition zu gelangen. Wenn man jedoch berücksichtigt, dass Absolventen verschiedene Fächer studierten und ihren Abschluss an unterschiedlichen Universitäten erworben haben, verringert sich der Unterschied in beiden Ländern. Das heißt, wenn man Absolventen aus verschiedenen Elternhäusern, aber mit gleichen Studienbedingungen vergleicht, sind in Deutschland keine nennenswerte Unterschiede in der beruflichen Erstplatzierung mehr vorhanden.

Dieses Ergebnis kann dahingehend interpretiert werden, dass im Falle Großbritanniens ein höherer Wettbewerb unter einer größeren Anzahl von Studierenden zusammen mit schwachen Verbindungen von Bildung und Arbeitsmarkt Spielräume für einen Einfluss der sozialen Herkunft bietet. Im Gegenzug haben in Deutschland die (vergleichsweise wenigen) Absolventen keine Vor- und Nachteile je nach Herkunft. Das heißt aber auch, dass eine Öffnung der Hochschulen in Deutschland mit einem immer höheren Anteil von Absolventen zu neuen sozialen Ungleichheiten beim Berufseinstieg führen könnte - ähnlich wie in Großbritannien.

Eine zweite Analyse der beruflichen Position fünf Jahre nach dem Studienabschluss zeigt, dass sich die sozialen Ungleichheiten in beiden Ländern verringert haben. Unter Berücksichtigung von Hochschule und Studienfach ist der verbleibende Unterschied nun auch in Großbritannien statistisch nicht mehr signifikant. Dieses Ergebnis bedeutet, dass die soziale Herkunft keine Rolle mehr spielt. Führungspositionen werden somit in beiden Ländern nicht mehr nach sozialer Herkunft, sondern ausschließlich nach ‚meritokratischen’ Kriterien, wie eigener Leistung und Erfahrungen im Beruf vergeben.

Januar, 2016

 

Wussten Sie schon, dass „man selbst zu sein“ verschiedene Bedeutungen in unterschiedlichen Kulturen hat?

 

In den letzten Jahren hat sich die Psychologie intensiv mit der subjektiven Erfahrung von Authentizität beschäftigt. Diese Erfahrung beschreibt das Gefühl, dass das Verhalten einer Person ihrem „echten“ Selbst entspricht, d.h. ihren persönlichen Einstellungen, Werten, oder Vorlieben. Authentizität spielt eine wichtige Rolle in verschiedenen Aspekten des Alltags. Menschen mit höherer Authentizität verfügen nachweislich über mehr Wohlbefinden und Selbstwertgefühl, führen glücklichere romantische Beziehungen und finden eine stärkere und klare Bedeutung für ihr Leben. Aber ist die Bedeutung von „authentisch sein“ gleich in verschiedenen Kulturen? Was wird in verschiedenen Kulturen als authentisch wahrgenommen?

Michail Kokkoris vom Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (ISS) und Ulrich Kühnen von der Jacobs University Bremen gingen dieser Frage mit einer empirischen Studie nach, im Rahmen derer 160 Probanden in Deutschland und China befragt wurden. Die Forscher nahmen an, dass man in eher individualistischen Kulturen (wie in Deutschland) dann authentisch wirkt, wenn man seine persönlichen Eigenschaften deutlich ausdrückt und das eigene Selbst klar von anderen Individuen abgrenzt. In eher kollektivistischen Kulturen (wie in China) würde man authentisch wirken, wenn man seine persönlichen Eigenschaften nicht zu stark betont, da es sonst eventuell zu Konflikten mit anderen Personen kommen kann.

Anhand der Beschreibung von Vorlieben und Abneigung von Filmen bewerteten die Studienteilnehmer, wie authentisch die beschriebene Person auf sie wirkt. Die deutschen Teilnehmer bewerteten eine Person als authentischer, die sowohl Neigung als auch Abneigung für bestimmte Filme ausdrückte. Die chinesischen Teilnehmer bezeichneten hingegen eine Person, die lediglich eine Vorliebe für gewisse Filme ausdrückte und keine Angaben über Filme machte die sie nicht mag, als authentischer und mehr „sie selbst“.

Verschiedene Darstellungen von Vorlieben und Abneigungen prägen somit auch unsere Wahrnehmung und Einschätzung von der Authentizität anderer Personen je nach Kultur unterschiedlich. Solche Erkenntnisse fördern unser Verständnis für Kommunikation auf internationaler Ebene und bilden eine Basis für erfolgreiche soziale und wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Dezember, 2015

 

Wussten Sie schon, dass die Zusammensetzung der sozialen Kontakte im Alter einen Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten hat?

 

Starkes soziales Engagement im Alter und die Einbettung in soziale Beziehungsgeflechte mindern den Verlust von kognitiven Fähigkeiten und somit das Demenzrisiko. Grundannahme ist, dass Kontakte mit anderen Menschen das Gehirn stimulieren und trainieren – Voraussetzungen für den Behalt kognitiver Fähigkeiten.

Dabei vermutet Lea Ellwardt gemeinsam mit Kollegen der Freien Universität Amsterdam, dass nicht nur die Anzahl der sozialen Kontakte ausschlaggebend ist, sondern auch die Vielfalt der Kontakte. Vielfalt ist dann groß, wenn Personen Kontakte zu Menschen aus vielen unterschiedlichen sozialen Kreisen pflegen, also zum Beispiel gleichzeitig im Kreise von Verwandten, Freunden, Nachbarn oder ehemaliger Arbeitskollegen aktive Beziehungen unterhalten. Die Idee ist, dass vielfältige Kontakte vielfältige Stimulation bieten.

In einer Studie basierend auf 3.107 Frauen und Männern im Alter von 54 bis 100 Jahren, welche im Rahmen der Longitudinal Aging Study Amsterdam (LASA) befragt wurden, konnten die Forscher zeigen, dass Individuen mit vielfältigeren Beziehungsgeflechten über größere kognitive Fähigkeiten verfügen als Individuen mit weniger vielfältigen Beziehungsgefügen. Dieses Ergebnis zeigte sich unabhängig von der Gesamtanzahl der Kontakte sowie von spezifischen Beziehungstypen innerhalb des Geflechts.

Trotz allem hat eine steigende Kontaktvielfalt nur einen marginalen Effekt auf die Verringerung der kognitiven Leistung. Zukünftig gilt es, die Frage zu klären, inwiefern Beziehungsgefüge im Alter vor dem Verlust von kognitiven Fähigkeiten schützen, beziehungsweise deren Verlust aufschieben können.

November, 2015

 

Wussten Sie schon, dass die sexuelle Orientierung von Kindern praktisch keinen Einfluss auf die Beziehungsqualität zu ihren Eltern hat?

 

Trotz der vielfach geäußerten Befürchtung, dass sich die Beziehungsqualität zwischen den Generationen in Familien im Zeitverlauf verschlechtert haben könnte, konnte eine Vielzahl familiensoziologischer Untersuchungen zeigen, dass es in Deutschland wie in anderen westlichen Ländern nach wie vor enge Beziehungen und ein hohes Maß an Unterstützung zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern gibt. Bislang wenig bekannt war bislang hingegen darüber, ob die sexuelle Orientierung der Kinder möglicherweise einen negativen Einfluss auf die Beziehungsqualität zu den Eltern hat. In einer aktuellen Studie auf Basis von mehr als 7.500 im Rahmen des Beziehungs- und Familienpanels (pairfam) durchgeführten Interviews konnten die ISS-Forscher Karsten Hank und Veronika Salzburger zeigen, dass Kinder mit einem gleichgeschlechtlichen Partner nur eine geringfügig geringere emotionale Nähe zu beiden Eltern und eine etwas niedrigere Kontakthäufigkeit zu ihren Vätern berichten. Überhaupt keine Unterschiede zwischen hetero- und homosexuellen Kindern finden sich hinsichtlich der Häufigkeit von Konflikten mit den Eltern. Die Befunde werden dahingehend interpretiert, dass heteronormative Erwartungen der Eltern, etwa im Hinblick auf Ehe und Elternschaft der Kinder, zumindest im deutschen Kontext keine Rolle für die Ausgestaltung intergenerationaler Beziehungen spielen.

Oktober, 2015