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Wussten Sie schon, dass...?

An dieser Stelle berichten Wissenschaftler des ISS regelmäßig über aktuelle Forschungsergebnisse.

November 2019

In einem Verbundprojekt mit dem Fraunhofer-Zentrum für Internationales Management und Wissensökonomie in Leipzig sowie dem Lehrstuhl für technologieorientiertes Unternehmertum an der RWTH-Aachen haben die ISS-Forscher Clemens Schimmele und Johannes Blome-Drees Möglichkeiten eruiert, genossenschaftliche Strategien für den Forschungstransfer nutzbar zu machen. An außeruniversitären Forschungseinrichtungen wie Fraunhofer-, Max-Planck-, Leibniz- oder Helmholtz-Instituten kommt es regelmäßig zu Innovationen, deren Entwicklung zur Anwendungsreife im Rahmen der regulären Forschungsschwerpunkte der Institute nicht weiterverfolgt werden kann. Gerade in frühen Phasen des Finanzierungszyklus scheuen private Anleger häufig das Risiko, das mit der Realisierung von Potenzialen abseits des Mainstreams einhergeht. Insbesondere bei sozialen Innovationen stehen private Anleger mangels hoher Renditeaussichten vielfach nicht zur Verfügung, sodass entweder öffentliche Fördermittelgeber einspringen müssen oder aber Projekte ganz aufgegeben werden.

Um dieser Problematik zu begegnen, haben die ISS-Forscher analysiert, welchen Beitrag genossenschaftliche Modelle für die Organisation und Finanzierung von Projekten und Ausgründungen außeruniversitärer Forschungseinrichtungen leisten können. Zwar ist die Genossenschaft in der außeruniversitären Forschungslandschaft gegenwärtig eine Randerscheinung, nach der Sondierung des Themas darf indes konstatiert werden, dass dies nicht so bleiben muss. Die Genossenschaft kann auf verschiedenen Wegen potentielle Nutzer von Innovationen im Rahmen eines organisierten Netzwerks einbinden, wenn diese Nutzer die Bereitschaft zur gleichberechtigten und dauerhaften Beteiligung mitbringen und sich davon nicht nur monetäre Ausschüttungen versprechen, sondern auch und vor allem die Forschung und ihre Ergebnisse fördern bzw. nutzen wollen. Naheliegende Anwendungen sind vor allem die Auslagerung von Forschung und Entwicklung durch Unternehmen und ggf. auch die gemeinsame Verwertung oder gar Herstellung der dabei entstehenden Produkte einerseits und andererseits die Trägerschaft durch Endverbraucher von B2C-Innovationen, welche die Entwicklung von Produkten unterstützen wollen, die für sie von besonderem Wert sind. Je nach Sachlage können die Ansätze auch kombiniert und mehrere Stakeholder-Gruppen eingebunden werden. Auch reine Institutskooperationen oder genossenschaftlich verfasste Investitionsfonds sind denkbar.

Oktober 2019

Am Ende der Grundschulzeit stehen Eltern und Kinder in Deutschland vor der Wahl einer weiterführenden Schulform; frühe Leistungsunterschiede versperren Zugewanderten und ihren Nachkommen dabei oftmals den Weg auf das Gymnasium. Welche Auswirkungen solche ungleichen Schulübergänge haben, untersuchten die ISS-Forscher Hanno Kruse und Clemens Kroneberg in einer Studie, die demnächst im American Journal of Sociology erscheint. Die im Rahmen des ERC Projekts SOCIALBOND entstandene Studie kombiniert administrative räumliche Daten zu allen Sekundarschulen in Deutschland mit umfangreichen Umfragedaten zu Identitäten und Freundschaftsnetzwerken.

Das bemerkenswerte Ergebnis: Ethnische Ungleichheit beim Zugang zum Gymnasium beeinträchtigt nicht nur die Bildungs- und Karrierewege von Schüler*innen mit Migrationshintergrund, sondern auch ihre Identitäten und sozialen Beziehungen zu ihren Mitschüler*innen.

In Gegenden, in denen Jugendliche mit Migrationshintergrund nur selten ein Gymnasium besuchen, ist ihr Gymnasialbesuch mit assimilativen Tendenzen verbunden: Sie fühlen sich eher als Deutsche und diese Identifikation geht vermehrt mit Freundschaften zu Mitschüler*innen ohne Migrationshintergrund einher. Wenn sie sich dagegen kaum als Deutsche fühlen, sind sie auch selten mit Mitschüler*innen ohne Migrationshintergrund befreundet. Soziale Integration auf dem Gymnasium ist somit tendenziell daran gebunden, sich als Deutsche(r) zu fühlen.

In Gegenden, in denen Jugendliche mit Migrationshintergrund auch auf den Gymnasien gut repräsentiert sind, finden sich diese Zusammenhänge nicht: Gymnasiasten mit Zuwanderungsgeschichte haben keine verstärkte Neigung sich als Deutsche zu fühlen und dies ist auch nicht relevant dafür, wie sehr sie von Mitschüler*innen ohne Migrationshintergrund sozial akzeptiert werden.

Während Gymnasien in ethnisch geschichteten Gegenden also eher „Schulen der Nation“ sind, sind sie in Gegenden mit stärkerer Bildungsgleichheit eher „Schulen der Vielfalt“, in denen die Frage der Identifikation als Deutsche(r) weniger wichtig ist. Gleichzeitig ist diese Identifikation aber nicht nur eine Frage des lokalen Kontexts: Kruse und Kroneberg zeigen in ihren Analysen, dass muslimische Schüler*innen häufig Schwierigkeiten haben, sich als Deutsche zu fühlen – und zwar unabhängig von den ansonsten wirksamen Einflüssen des lokalen Kontexts.

August 2019

Studieren im Ausland ist in Europa weit verbreitet. Die Studierenden erwarten, dass ein Auslandsstudium ihre Fremdsprachenkenntnisse und interkulturellen Kenntnisse verbessert und zur persönlichen und akademischen Weiterentwicklung beiträgt. Überraschenderweise ist der empirische Nachweis, ob und inwieweit internationale Erfahrungen damit zu besseren Jobs mit höherem Einkommen oder höherem beruflichen Status führen, nicht eindeutig.
Die ISS-Forscher*innen Marita Jacob und Michael Kühhirt haben in einer gerade veröffentlichten Studie zusammen mit Margarida Rodrigues (Universidade Autónoma de Lisboa) die Berufskarrieren von Hochschulabsolvent*innen aus 13 europäischen Ländern fünf Jahre nach dem Studienabschluss untersucht. Die Autor*innen vergleichen dabei die Jobs derjenigen, die im Ausland studiert haben, mit denjenigen, die nicht im Ausland waren. Die Ergebnisse der Untersuchung weisen auf große Länderunterschiede in den Auswirkungen eines Auslandsstudiums hin. Diese zeigten sich sowohl in Bezug auf Löhne als auch bezüglich des Erreichens einer hohen beruflichen Position: In einigen Ländern führt ein Studium im Ausland tatsächlich zu besseren Jobs, in anderen Ländern jedoch nicht und das Auslandsstudium hat dort keinerlei positive Auswirkung. Generell ist die Arbeitsmarktrendite von internationalen Erfahrungen in Ost- und Südeuropa – also in Ländern mit geringerer Qualität des Hochschulsystems, hoher Arbeitslosigkeit von Absolvent*innen und relativ wenigen Studierenden mit Auslandserfahrungen – am größten. In Ländern mit hoher Hochschulqualität und geringem Wettbewerb unter Absolventen führen internationale Erfahrungen nicht zu vorteilhafteren Jobs. Entgegen der weitläufigen Meinung verbessert somit ein Auslandsstudium die Beschäftigungschancen nur unter bestimmten Umständen.

Juli 2019

Viele Entscheidungen im Alltag verlangen Selbstkontrolle. Soll man das leckere Dessert essen, obwohl man abnehmen will? Soll man ein schönes Kleidungsstück kaufen, obwohl man sparen will? In solchen Situationen steht man vor einer Versuchung, der man nachgeben oder widerstehen kann. Welche Entscheidung macht zufriedener? Und gibt es dabei systematische Unterschiede zwischen Personen?

In einem kürzlich von ISS-Forscher Erik Hölzl mit seinen Kollegen Michail Kokkoris und Carlos Alós-Ferrer publizierten Artikel wurde die Zufriedenheit mit Entscheidungen untersucht, in denen einer Versuchung nachgegeben oder widerstanden wurde. Die Ergebnisse von 11 Studien mit insgesamt über 3000 Teilnehmer*innen zeigen, dass individuelle Unterschiede in der „Laienrationalität“ dabei eine wichtige Rolle spielen. Laienrationalität beschreibt die Tendenz, sich bei Entscheidungen primär auf Begründungen zu stützen und weniger auf Gefühle. Bei Entscheidungen, in denen einer Versuchung widerstanden wurde, zeigten sich Personen mit hoher Laienrationalität zufriedener als Personen mit niedriger Laienrationalität. Bei Entscheidungen hingegen, in denen einer Versuchung nachgegeben wurde, zeigten sich Personen mit niedriger Laienrationalität zufriedener als Personen mit hoher Laienrationalität. Dieser Effekt wurde durch wahrgenommene Authentizität vermittelt, also das Gefühl, dem „wahren Ich“ entsprechend zu handeln. Die Ergebnisse zeigen, dass Selbstkontrolle und Verzicht nicht immer zu mehr Zufriedenheit mit einer Entscheidung führt, sondern dass es darauf ankommt, was eine Person als legitime Grundlage für ihre Entscheidungen sieht

Mai 2019

Das Zusammenleben gleichgeschlechtlicher Paare, auch mit Kindern, gewinnt zunehmend an gesellschaftlicher Akzeptanz. Dies spiegelt sich auch in veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen wieder, zum Beispiel in der „Ehe für alle“, die es seit 2017 auch in Deutschland gleichgeschlechtlichen Paaren erlaubt, zu heiraten. Auch die sozialwissenschaftliche Forschung widmet sich seit geraumer Zeit der Lebenssituation Homosexueller. Familiendemographische Auswertungen amtlicher Statistiken, meist aus den USA oder Skandinavien, zeigen u.a., dass Homosexuelle seltener eheähnliche Beziehungen eingehen, ein etwas höheres Trennungsrisiko aufweisen und seltener Kinder haben, als Heterosexuelle. Bislang gab es jedoch kaum Erkenntnisse darüber, inwieweit sich Erwartungen an Partnerschaft und Elternschaft je nach sexueller Orientierung unterscheiden.

Die ISS-Forscher Karsten Hank und Martin Wetzel sind dieser Frage auf Basis von Daten der ersten Befragungswelle des Beziehungs- und Familienpanels pairfam nachgegangen. In Interviews mit fast 7.500 Personen im Alter von Mitte-20 und Mitte 30 (darunter mehr als 100 Befragte, die angaben, in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft zu leben oder gelebt zu haben) wurden, erstens, Informationen darüber erhoben, welche Erwartungen bezüglich praktischer und emotionaler Unterstützung durch den Partner bestehen, wie sehr man befürchtet, dass die individuelle Autonomie in der Partnerschaft eingeschränkt werden könnte, oder dass der Partner von Eltern und Freunden nicht akzeptiert werden könnte. Darüber hinaus wurde, zweitens, gefragt, inwieweit die Studienteilnehmer Unterstützung, ökonomische und nicht-ökonomische Einschränkungen, sowie mentale Belastungen durch Kinder erwarten.

Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass Personen, die in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung leben oder gelebt haben, tendenziell weniger Vorteile von einer Partnerschaft erwarten, als Heterosexuelle. Statistisch signifikante Unterschiede in Bezug auf die Erwartungen an Elternschaft finden sich jedoch nicht. Die Befunde fügen sich somit gut in ein Gesamtbild neuerer Forschung ein, das – nach Kontrolle struktureller Einflussfaktoren – keine grundlegenden Unterschiede in demographischen Verhaltensweisen und Familienbeziehungen in Abhängigkeit von der sexuellen Orientierung aufzeigt.

März 2019

Sind die meisten Leute nur auf ihren eigenen Vorteil aus? Sollte ich Fremden grundsätzlich misstrauen? Das sind Fragen, die zynische Menschen mit „Ja“ beantworten würden: Zynismus bezeichnet eine Weltsicht, innerhalb derer andere Menschen und ihre Motive negativ bewertet werden. Die Welt so zu sehen, kann die Gesundheit beeinträchtigen: Wer andere für selbstsüchtig und unehrlich hält, erkrankt etwa mit höherer Wahrscheinlichkeit an Arteriosklerose, Diabetes und Demenz als jemand, der anderen mit Wohlwollen begegnet – und hat sogar ein höheres Sterberisiko.

ISS-Forscher Daniel Ehlebracht und Olga Stavrova von der Universität Tilburg haben nun in einer Studie gezeigt, dass die Kausalität dabei in beide Richtungen geht: Zynismus macht krank – aber krank zu sein macht auch zynisch. Dafür gibt es sogar historische Beispiele: So soll etwa Heinrich VIII., zunächst ein offener und progressiver Herrscher, nach einem schweren Reitunfall geradezu paranoid misstrauisch geworden sein. Um systematisch zu untersuchen, ob ein solcher Effekt existiert, haben die beiden Sozialpsychologen Daten des deutschen Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) und der US-amerikanischen Health and Retirement Study (HRS) ausgewertet. In beiden Stichproben fanden die Autoren einen Effekt von schlechter Gesundheit auf Zynismus. Dabei untersuchten sie sowohl subjektive Einschätzungen der Gesundheit – bei denen der Effekt zuverlässig auftrat – als auch objektive Gesundheitsmaße wie die Anzahl ärztlicher Diagnosen und medizinische Testergebnisse. Bei den objektiven Maßen zeigte sich der Effekt nur für gesundheitliche Probleme, die das Leben der Probanden wahrnehmbar einschränkten: Sorgt etwa eine schlechte Lungenfunktion dafür, dass jemand keine Treppen mehr steigen kann und auf Hilfe anderer angewiesen ist, so fördert dies eher eine zynische Weltsicht als erhöhte Blutdruckwerte, die nicht merklich die Lebensqualität beeinträchtigen.

Es sind also vor allem wahrgenommene Einschränkungen und der damit verbundene Verlust persönlicher Kontrolle über das eigene Leben, die dafür verantwortlich sind, dass Krankheit zynisch macht. Dass Zynismus wiederum der Gesundheit schadet, kann dabei einen Teufelskreis verursachen. Möglicherweise könnten stabile soziale Netzwerke und eine gute institutionelle Unterstützung aber Faktoren sein, die geeignet sind, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Februar 2019

Viele Studien zeigen, dass angespannte oder konfliktbehaftete soziale Beziehungen schädlich auf die mentale und körperliche Gesundheit wirken. Positive Beziehungen hingegen schützen vor mentalen Krankheiten, auch weil sie stressmindernd wirken. Wenig untersucht ist bisher jedoch, inwieweit negative Beziehungen auch Auswirkungen auf unbeteiligte Dritte haben. Ein Beispiel ist, wenn eine (dritte) Person selbst gute Beziehungen zu zwei Familienmitgliedern hat, diese aber miteinander streiten.
In einer demnächst im Journal of Gerontology: Social Sciences erscheinenden Studie sind ISS-Forscherin Lea Ellwardt und ihren Kollegen aus den USA und Niederlanden der Frage nachgegangen, ob Personen unter Stress leiden, wenn sie Konflikte zwischen ihren Sozialkontakten beobachten – auch wenn sie selbst keine Konflikte mit diesen haben. Hierfür haben die Forscher längsschnittliche Daten aus Chicago ausgewertet (CHASRS). In jährlichen Abständen wurden die Studienteilnehmer fünfmal zu ihren Sozialkontakten und ihrem Stressniveau befragt. Dabei konnten sie auch angeben, ob sich ihre sozialen Kontakte untereinander gut oder schlecht verstehen.
Die Analyse ergab eine geringe Tendenz dahingehend, dass die Teilnehmer weniger zu gestressten Zuständen neigten, wenn sich ihre Sozialkontakte untereinander gut verstanden, die Beziehung also positiv war. Diese Ergebnisse zeigen, dass nicht nur direkt involvierte Personen, sondern auch umstehende Verwandte oder Bekannte potenziell unter zwischenmenschlichen Spannungen leiden – oder aber von deren positiven Beziehungen profitieren. So kann ein harmonisches Miteinander im unmittelbaren sozialen Umfeld einen schützenden Effekt vor Stress und letztendlich eine positive Wirkung auf die mentale Gesundheit mit sich bringen.

 

Januar 2019

Während es bereits umfassend Studien gibt, die auf deutliche Unterschiede in der Gesundheit abhängig von sozio-ökonomischem Status und Geschlecht hinweisen, gibt es bislang kaum Untersuchungen darüber, ob der Einfluss sozio-ökonomischer Merkmale auf die Gesundheit geschlechtsspezifisch variiert. Eine noch unveröffentlichte Untersuchung der ISS-Forscherin Dina Maskileyson und ihres Kollegen Philipp Lersch (HU Berlin & DIW Berlin) geht dieser Frage nach. Die Autor*innen plädieren für eine systematischere Berücksichtigung der Wechselwirkung zwischen Geschlecht sowie persönlichen Ressourcen und den ökonomischen Ressourcen des Partners (Einkommen und Vermögen) im Haushalt, um die Komplexität sozialer Einflussfaktoren auf die Gesundheit von Männern und Frauen besser zu verstehen.
Die Analyse längsschnittlicher Daten aus drei Beobachtungswellen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) deutet darauf hin, dass es einen positiven Effekt individueller ökonomischer Ressourcen auf die Gesundheit gibt (wobei Einkommen und Vermögen unabhängig voneinander wirksam sind). Während das Vermögen des Partners für beide Geschlechter gleichermaßen wichtig ist, wirkt sich das Einkommen des Partners nur auf die Gesundheit der Frau aus. Hieraus wird deutlich, wie wichtig eine gemeinsame Betrachtung individueller und partnerschaftlicher Ressourcen ist, um die Wirkung sozialer Einflussfaktoren auf geschlechtsspezifische Unterschiede in der Gesundheit noch besser als bislang zu verstehen.

 

Dezember 2018

Unterschiedliche Studien kamen bisher zu dem Ergebnis, dass in Deutschland Kinder mit Migrationshintergrund geringere Schulleistungen erbringen als  Kinder ohne Migrationshintergrund. Weniger als 25 Prozent der in zweiter Generation in Deutschland lebenden Schülerinnen und Schüler mit türkischem Hintergrund machen das Abitur. Bei Kindern ohne Migrationshintergrund sind es über 40 Prozent. Die bisherige Forschung hat sich auf den ethnischen Hintergrund, das Bildungsniveau und den sozioökonomischen Status der Eltern konzentriert.

ISS-Forscherin Sarah Carol und Benjamin Schulz (WZB) konzentrieren sich in ihrer Studie stattdessen auf die Bedeutung der Religiosität als Faktor für die Schulleistungen und als Motor für Bildungsmobilität. Die Studie nutzte Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS), um diese Hypothesen in Bezug auf muslimische und christliche Kinder mit Migrationshintergrund zu testen. Als Indikatoren für den schulischen Erfolg werden vor allem die Ergebnisse von Mathetests herangezogen. Der Grad der Religiosität und die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft wurden über die Beantwortung von Fragen erfasst.

Die Studie zeigt, dass Religiosität nicht generell ein Hindernis für Bildungserfolg ist. Sowohl bei christlichen als auch muslimischen Schülern steht Religiosität unter bestimmten Bedingungen guten schulischen Leistungen nicht im Weg. Religiosität spielt jedoch in erster Linie für den Bildungserfolg von muslimischen Kindern eine Rolle; für christliche Kinder spielt Religiosität hingegen kaum eine Rolle. Bei dem Zusammenhang zwischen dem Engagement in einer islamischen Gemeinschaft und der Schulleistung müssen wir einen zusätzlichen Faktor beachten: Leben Schüler in nicht-segregierten Nachbarschaften, besteht ein positiver Zusammenhang zwischen religiösem Engagement und Mathekompetenz. Leben sie allerdings in segregierten Nachbarschaften, haben diese Kinder keinen Vorteil mehr. Dann kann das religiöse Engagement sogar ein Hindernis für den Schulerfolg sein.

Eine hohe Gebetshäufigkeit geht bei muslimischen Kindern ebenfalls mit besseren Schulleistungen einher. Regelmäßiges Beten deutet auf Selbstdisziplin und intrinsische Motivation hin. Beides sind auch Schlüsselfaktoren für den Schulerfolg. Anders sieht das Bild bei muslimischen Schülerinnen und Schülern mit einer hohen religiösen Selbsteinschätzung aus und jenen, die keinen regelmäßigen religiösen Verpflichtungen nachgehen. In dieser Schülergruppe ist es wahrscheinlicher, dass sie die Schule beispielsweise früh verlassen (Hauptschulabschluss) oder sogar abbrechen. Zusammenfassend kann man sagen, dass subjektive Religiosität ein Hindernis darstellen kann, aber andere Facetten der muslimischen Religiosität kein Hindernis für den Bildungserfolg sein müssen.

 

November 2018

Im Jahr 2015 kamen über 1 Million Asylbewerber nach Deutschland. Deutschland erwies sich aufgrund seines robusten Arbeitsmarktes als attraktives Ziel, aber auch wegen der einseitigen Aussetzung der EU-Regeln durch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die von den Staaten verlangen, Flüchtlinge in ihr EU-Eintrittsland zurückzuschicken (Dubliner Übereinkommen). Diese offene Tür wurde zunächst durch eine explizite Willkommenskultur („Wir schaffen das“) unterstützt. Gleichzeitig gab und gibt es Anzeichen zunehmender Fremdenfeindlichkeit, wie die Aufmärsche von PEGIDA und die Popularität und der Wahlerfolg der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD). Zudem stieg die Gewalt gegen Flüchtlinge und Muslime im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise stark an. Dabei traten diese Angriffe mit erheblicher räumlicher Häufung auf, was auf eine entscheidende Rolle von regionalen und lokalen Faktoren hindeutet.

In einer Studie  untersucht der ISS-Forscher Conrad Ziller (zusammen mit Sara Goodman von der UC Irvine, USA), inwieweit kommunale Verwaltungseffizienz Gewalt gegen Zuwanderer beeinflusst. Dabei stützt sich der Zusammenhang auf das Argument, dass effiziente Verwaltungen einerseits besser die Integration von Zuwanderern (z.B. in den Wohnungs-, Ausbildungs-, und Arbeitsmarkt) bewältigen und andererseits für eine geringere politische Deprivation der Bürgerinnen und Bürger sorgen. Politische Deprivation bezieht sich hierbei auf die Wahrnehmung, selbst keinen Einfluss auf politische Entscheidungen zu haben und dass Politik und Verwaltung sich nicht hinreichend um die Belange der Bürgerinnen und Bürger kümmern—Motive die durchaus während der Flüchtlingskrise salient waren und mit Frustration, negativen Ansichten gegenüber Fremdgruppen oder sogar Gewalt einhergehen können.

Die empirische Untersuchung des Zusammenhangs nutzt Daten zu gewaltsamen Übergriffen auf Flüchtlinge in Deutschland in 2015, die für alle 402 Landkreise und kreisfreie Städte vorliegen. Kommunale Verwaltungseffizienz wurde mit einem eigens entwickelten Indikator gemessen, der das Ausgabenverhalten von Kommunen mit bestimmten Merkmalen, wie die Erreichbarkeit von Nahverkehr, Schulen und Ärzten, in Beziehung setzt. Die Ergebnisse zeigen einen robusten negativen Zusammenhang zwischen Verwaltungseffizienz und Gewalt, der auch in einer weiteren empirischen Studie mit niederländischen Daten bestätigt werden konnte. Wenn lokale Verwaltungen die Effizienz der von ihnen erbrachten öffentlichen Dienstleistungen verbessern, verbessern sie nicht nur die Qualität der Städte und Gemeinden (und damit die Zufriedenheit der Bewohner), sondern sorgen auch für bessere Beziehungen zwischen Einheimischen und Zuwanderern.