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Wussten Sie schon, dass...?

An dieser Stelle berichten Wissenschaftler des ISS regelmäßig über aktuelle Forschungsergebnisse.

Mai 2019

Das Zusammenleben gleichgeschlechtlicher Paare, auch mit Kindern, gewinnt zunehmend an gesellschaftlicher Akzeptanz. Dies spiegelt sich auch in veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen wieder, zum Beispiel in der „Ehe für alle“, die es seit 2017 auch in Deutschland gleichgeschlechtlichen Paaren erlaubt, zu heiraten. Auch die sozialwissenschaftliche Forschung widmet sich seit geraumer Zeit der Lebenssituation Homosexueller. Familiendemographische Auswertungen amtlicher Statistiken, meist aus den USA oder Skandinavien, zeigen u.a., dass Homosexuelle seltener eheähnliche Beziehungen eingehen, ein etwas höheres Trennungsrisiko aufweisen und seltener Kinder haben, als Heterosexuelle. Bislang gab es jedoch kaum Erkenntnisse darüber, inwieweit sich Erwartungen an Partnerschaft und Elternschaft je nach sexueller Orientierung unterscheiden.

Die ISS-Forscher Karsten Hank und Martin Wetzel sind dieser Frage auf Basis von Daten der ersten Befragungswelle des Beziehungs- und Familienpanels pairfam nachgegangen. In Interviews mit fast 7.500 Personen im Alter von Mitte-20 und Mitte 30 (darunter mehr als 100 Befragte, die angaben, in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft zu leben oder gelebt zu haben) wurden, erstens, Informationen darüber erhoben, welche Erwartungen bezüglich praktischer und emotionaler Unterstützung durch den Partner bestehen, wie sehr man befürchtet, dass die individuelle Autonomie in der Partnerschaft eingeschränkt werden könnte, oder dass der Partner von Eltern und Freunden nicht akzeptiert werden könnte. Darüber hinaus wurde, zweitens, gefragt, inwieweit die Studienteilnehmer Unterstützung, ökonomische und nicht-ökonomische Einschränkungen, sowie mentale Belastungen durch Kinder erwarten.

Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass Personen, die in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung leben oder gelebt haben, tendenziell weniger Vorteile von einer Partnerschaft erwarten, als Heterosexuelle. Statistisch signifikante Unterschiede in Bezug auf die Erwartungen an Elternschaft finden sich jedoch nicht. Die Befunde fügen sich somit gut in ein Gesamtbild neuerer Forschung ein, das – nach Kontrolle struktureller Einflussfaktoren – keine grundlegenden Unterschiede in demographischen Verhaltensweisen und Familienbeziehungen in Abhängigkeit von der sexuellen Orientierung aufzeigt.

März 2019

Sind die meisten Leute nur auf ihren eigenen Vorteil aus? Sollte ich Fremden grundsätzlich misstrauen? Das sind Fragen, die zynische Menschen mit „Ja“ beantworten würden: Zynismus bezeichnet eine Weltsicht, innerhalb derer andere Menschen und ihre Motive negativ bewertet werden. Die Welt so zu sehen, kann die Gesundheit beeinträchtigen: Wer andere für selbstsüchtig und unehrlich hält, erkrankt etwa mit höherer Wahrscheinlichkeit an Arteriosklerose, Diabetes und Demenz als jemand, der anderen mit Wohlwollen begegnet – und hat sogar ein höheres Sterberisiko.

ISS-Forscher Daniel Ehlebracht und Olga Stavrova von der Universität Tilburg haben nun in einer Studie gezeigt, dass die Kausalität dabei in beide Richtungen geht: Zynismus macht krank – aber krank zu sein macht auch zynisch. Dafür gibt es sogar historische Beispiele: So soll etwa Heinrich VIII., zunächst ein offener und progressiver Herrscher, nach einem schweren Reitunfall geradezu paranoid misstrauisch geworden sein. Um systematisch zu untersuchen, ob ein solcher Effekt existiert, haben die beiden Sozialpsychologen Daten des deutschen Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) und der US-amerikanischen Health and Retirement Study (HRS) ausgewertet. In beiden Stichproben fanden die Autoren einen Effekt von schlechter Gesundheit auf Zynismus. Dabei untersuchten sie sowohl subjektive Einschätzungen der Gesundheit – bei denen der Effekt zuverlässig auftrat – als auch objektive Gesundheitsmaße wie die Anzahl ärztlicher Diagnosen und medizinische Testergebnisse. Bei den objektiven Maßen zeigte sich der Effekt nur für gesundheitliche Probleme, die das Leben der Probanden wahrnehmbar einschränkten: Sorgt etwa eine schlechte Lungenfunktion dafür, dass jemand keine Treppen mehr steigen kann und auf Hilfe anderer angewiesen ist, so fördert dies eher eine zynische Weltsicht als erhöhte Blutdruckwerte, die nicht merklich die Lebensqualität beeinträchtigen.

Es sind also vor allem wahrgenommene Einschränkungen und der damit verbundene Verlust persönlicher Kontrolle über das eigene Leben, die dafür verantwortlich sind, dass Krankheit zynisch macht. Dass Zynismus wiederum der Gesundheit schadet, kann dabei einen Teufelskreis verursachen. Möglicherweise könnten stabile soziale Netzwerke und eine gute institutionelle Unterstützung aber Faktoren sein, die geeignet sind, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Februar 2019

Viele Studien zeigen, dass angespannte oder konfliktbehaftete soziale Beziehungen schädlich auf die mentale und körperliche Gesundheit wirken. Positive Beziehungen hingegen schützen vor mentalen Krankheiten, auch weil sie stressmindernd wirken. Wenig untersucht ist bisher jedoch, inwieweit negative Beziehungen auch Auswirkungen auf unbeteiligte Dritte haben. Ein Beispiel ist, wenn eine (dritte) Person selbst gute Beziehungen zu zwei Familienmitgliedern hat, diese aber miteinander streiten.
In einer demnächst im Journal of Gerontology: Social Sciences erscheinenden Studie sind ISS-Forscherin Lea Ellwardt und ihren Kollegen aus den USA und Niederlanden der Frage nachgegangen, ob Personen unter Stress leiden, wenn sie Konflikte zwischen ihren Sozialkontakten beobachten – auch wenn sie selbst keine Konflikte mit diesen haben. Hierfür haben die Forscher längsschnittliche Daten aus Chicago ausgewertet (CHASRS). In jährlichen Abständen wurden die Studienteilnehmer fünfmal zu ihren Sozialkontakten und ihrem Stressniveau befragt. Dabei konnten sie auch angeben, ob sich ihre sozialen Kontakte untereinander gut oder schlecht verstehen.
Die Analyse ergab eine geringe Tendenz dahingehend, dass die Teilnehmer weniger zu gestressten Zuständen neigten, wenn sich ihre Sozialkontakte untereinander gut verstanden, die Beziehung also positiv war. Diese Ergebnisse zeigen, dass nicht nur direkt involvierte Personen, sondern auch umstehende Verwandte oder Bekannte potenziell unter zwischenmenschlichen Spannungen leiden – oder aber von deren positiven Beziehungen profitieren. So kann ein harmonisches Miteinander im unmittelbaren sozialen Umfeld einen schützenden Effekt vor Stress und letztendlich eine positive Wirkung auf die mentale Gesundheit mit sich bringen.

 

Januar 2019

Während es bereits umfassend Studien gibt, die auf deutliche Unterschiede in der Gesundheit abhängig von sozio-ökonomischem Status und Geschlecht hinweisen, gibt es bislang kaum Untersuchungen darüber, ob der Einfluss sozio-ökonomischer Merkmale auf die Gesundheit geschlechtsspezifisch variiert. Eine noch unveröffentlichte Untersuchung der ISS-Forscherin Dina Maskileyson und ihres Kollegen Philipp Lersch (HU Berlin & DIW Berlin) geht dieser Frage nach. Die Autor*innen plädieren für eine systematischere Berücksichtigung der Wechselwirkung zwischen Geschlecht sowie persönlichen Ressourcen und den ökonomischen Ressourcen des Partners (Einkommen und Vermögen) im Haushalt, um die Komplexität sozialer Einflussfaktoren auf die Gesundheit von Männern und Frauen besser zu verstehen.
Die Analyse längsschnittlicher Daten aus drei Beobachtungswellen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) deutet darauf hin, dass es einen positiven Effekt individueller ökonomischer Ressourcen auf die Gesundheit gibt (wobei Einkommen und Vermögen unabhängig voneinander wirksam sind). Während das Vermögen des Partners für beide Geschlechter gleichermaßen wichtig ist, wirkt sich das Einkommen des Partners nur auf die Gesundheit der Frau aus. Hieraus wird deutlich, wie wichtig eine gemeinsame Betrachtung individueller und partnerschaftlicher Ressourcen ist, um die Wirkung sozialer Einflussfaktoren auf geschlechtsspezifische Unterschiede in der Gesundheit noch besser als bislang zu verstehen.

 

Dezember 2018

Unterschiedliche Studien kamen bisher zu dem Ergebnis, dass in Deutschland Kinder mit Migrationshintergrund geringere Schulleistungen erbringen als  Kinder ohne Migrationshintergrund. Weniger als 25 Prozent der in zweiter Generation in Deutschland lebenden Schülerinnen und Schüler mit türkischem Hintergrund machen das Abitur. Bei Kindern ohne Migrationshintergrund sind es über 40 Prozent. Die bisherige Forschung hat sich auf den ethnischen Hintergrund, das Bildungsniveau und den sozioökonomischen Status der Eltern konzentriert.

ISS-Forscherin Sarah Carol und Benjamin Schulz (WZB) konzentrieren sich in ihrer Studie stattdessen auf die Bedeutung der Religiosität als Faktor für die Schulleistungen und als Motor für Bildungsmobilität. Die Studie nutzte Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS), um diese Hypothesen in Bezug auf muslimische und christliche Kinder mit Migrationshintergrund zu testen. Als Indikatoren für den schulischen Erfolg werden vor allem die Ergebnisse von Mathetests herangezogen. Der Grad der Religiosität und die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft wurden über die Beantwortung von Fragen erfasst.

Die Studie zeigt, dass Religiosität nicht generell ein Hindernis für Bildungserfolg ist. Sowohl bei christlichen als auch muslimischen Schülern steht Religiosität unter bestimmten Bedingungen guten schulischen Leistungen nicht im Weg. Religiosität spielt jedoch in erster Linie für den Bildungserfolg von muslimischen Kindern eine Rolle; für christliche Kinder spielt Religiosität hingegen kaum eine Rolle. Bei dem Zusammenhang zwischen dem Engagement in einer islamischen Gemeinschaft und der Schulleistung müssen wir einen zusätzlichen Faktor beachten: Leben Schüler in nicht-segregierten Nachbarschaften, besteht ein positiver Zusammenhang zwischen religiösem Engagement und Mathekompetenz. Leben sie allerdings in segregierten Nachbarschaften, haben diese Kinder keinen Vorteil mehr. Dann kann das religiöse Engagement sogar ein Hindernis für den Schulerfolg sein.

Eine hohe Gebetshäufigkeit geht bei muslimischen Kindern ebenfalls mit besseren Schulleistungen einher. Regelmäßiges Beten deutet auf Selbstdisziplin und intrinsische Motivation hin. Beides sind auch Schlüsselfaktoren für den Schulerfolg. Anders sieht das Bild bei muslimischen Schülerinnen und Schülern mit einer hohen religiösen Selbsteinschätzung aus und jenen, die keinen regelmäßigen religiösen Verpflichtungen nachgehen. In dieser Schülergruppe ist es wahrscheinlicher, dass sie die Schule beispielsweise früh verlassen (Hauptschulabschluss) oder sogar abbrechen. Zusammenfassend kann man sagen, dass subjektive Religiosität ein Hindernis darstellen kann, aber andere Facetten der muslimischen Religiosität kein Hindernis für den Bildungserfolg sein müssen.

 

November 2018

Im Jahr 2015 kamen über 1 Million Asylbewerber nach Deutschland. Deutschland erwies sich aufgrund seines robusten Arbeitsmarktes als attraktives Ziel, aber auch wegen der einseitigen Aussetzung der EU-Regeln durch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die von den Staaten verlangen, Flüchtlinge in ihr EU-Eintrittsland zurückzuschicken (Dubliner Übereinkommen). Diese offene Tür wurde zunächst durch eine explizite Willkommenskultur („Wir schaffen das“) unterstützt. Gleichzeitig gab und gibt es Anzeichen zunehmender Fremdenfeindlichkeit, wie die Aufmärsche von PEGIDA und die Popularität und der Wahlerfolg der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD). Zudem stieg die Gewalt gegen Flüchtlinge und Muslime im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise stark an. Dabei traten diese Angriffe mit erheblicher räumlicher Häufung auf, was auf eine entscheidende Rolle von regionalen und lokalen Faktoren hindeutet.

In einer Studie  untersucht der ISS-Forscher Conrad Ziller (zusammen mit Sara Goodman von der UC Irvine, USA), inwieweit kommunale Verwaltungseffizienz Gewalt gegen Zuwanderer beeinflusst. Dabei stützt sich der Zusammenhang auf das Argument, dass effiziente Verwaltungen einerseits besser die Integration von Zuwanderern (z.B. in den Wohnungs-, Ausbildungs-, und Arbeitsmarkt) bewältigen und andererseits für eine geringere politische Deprivation der Bürgerinnen und Bürger sorgen. Politische Deprivation bezieht sich hierbei auf die Wahrnehmung, selbst keinen Einfluss auf politische Entscheidungen zu haben und dass Politik und Verwaltung sich nicht hinreichend um die Belange der Bürgerinnen und Bürger kümmern—Motive die durchaus während der Flüchtlingskrise salient waren und mit Frustration, negativen Ansichten gegenüber Fremdgruppen oder sogar Gewalt einhergehen können.

Die empirische Untersuchung des Zusammenhangs nutzt Daten zu gewaltsamen Übergriffen auf Flüchtlinge in Deutschland in 2015, die für alle 402 Landkreise und kreisfreie Städte vorliegen. Kommunale Verwaltungseffizienz wurde mit einem eigens entwickelten Indikator gemessen, der das Ausgabenverhalten von Kommunen mit bestimmten Merkmalen, wie die Erreichbarkeit von Nahverkehr, Schulen und Ärzten, in Beziehung setzt. Die Ergebnisse zeigen einen robusten negativen Zusammenhang zwischen Verwaltungseffizienz und Gewalt, der auch in einer weiteren empirischen Studie mit niederländischen Daten bestätigt werden konnte. Wenn lokale Verwaltungen die Effizienz der von ihnen erbrachten öffentlichen Dienstleistungen verbessern, verbessern sie nicht nur die Qualität der Städte und Gemeinden (und damit die Zufriedenheit der Bewohner), sondern sorgen auch für bessere Beziehungen zwischen Einheimischen und Zuwanderern.

 

Oktober, 2018

Auch in Deutschland werden Partnerschaftsbiographien komplexer. Immer mehr Menschen erleben mehr als eine Beziehung und leben oft in nichtehelichen Lebensgemeinschaften. Dabei wissen wir bislang erstaunlich wenig über die Verbreitung nichtehelicher Lebensgemeinschaften (NEL) höherer Ordnung in Deutschland und deren Stabilität. Wie hoch ist also die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen und Männer in einer zweiten oder dritten NEL ihren Partner heiraten oder sich wieder trennen? In einer aktuellen Studie haben ISS-Forscherin Nicole Hiekel und ihre Kollegin Barbara Fulda Beziehungsbiographien von rund 2.500 Frauen und Männern im Alter von 35-45 Jahren ausgewertet, um diese Forschungslücke zu schließen.

Sie ermittelten erstens die Anzahl der eingegangenen NEL der Befragten. Ihre Befunde zeigen, dass die so genannte „serielle Kohabitation“, also das Erleben von mehr als einer NEL, relativ selten vorkommt. So berichten 14 von 100 Befragten, dass sie in zwei verschiedenen NEL mit einem Partner zusammengelebt haben, und 3 von 100 Befragten geben an, dass sie drei oder mehr dieser Partnerschaften eingegangen sind. Die letztgenannte Gruppe hatte zudem häufig bis zum letzten Zeitpunkt der Befragung noch nie geheiratet.

Zweitens untersuchten die Forscherinnen, wie wahrscheinlich es ist, dass NEL unterschiedlicher Ordnung in einer Ehe münden oder dass sich diese Paare trennen. Ungefähr 90% der Frauen und Männer in NEL erster und zweiter Ordnung, und 70% in NEL höherer Ordnung münden nach fünf Beziehungsjahren entweder in einer Heirat oder einer Trennung. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit zu heiraten in NEL erster und zweiter Ordnung doppelt so groß, wie die Wahrscheinlichkeit sich zu trennen. Bei Partnerschaften dritter und höherer Ordnung ist die Heiratsneigung dagegen geringer, während die Trennungswahrscheinlichkeit vergleichbar mit derjenigen von NEL erster und zweiter Ordnung ist.

Dies ist die erste Studie zu komplexen Partnerschaftsbiographien in Deutschland. Sie zeigt, dass die Ehe in der untersuchten Geburtskohorte nicht an Bedeutung verloren hat und das trotz der zunehmenden Popularität des unverheirateten Zusammenlebens.


September, 2018

Erwerbstätigen, die sich beruflich weiterentwickeln wollen, wird Weiterbildung oft als Karrieresprungbrett anempfohlen. Dies wird beispielsweise am Motto „Aufstieg durch Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung deutlich. Ob sich die individuelle Weiterbildungsteilnahme positiv auf die beruflichen Karrieren von Erwerbstätigen in Deutschland auswirkt, haben nun ISS-Forscher Christian Ebner und Martin Ehlert (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung) in einer Studie auf Grundlage aktueller und repräsentativer Längsschnittdaten untersucht.

Analysiert wurden die Auswirkungen sogenannter „non-formaler“ Weiterbildungsaktivitäten. Hierunter fallen die vielfältigen Kurse und Lehrgänge, die meist berufsbegleitend stattfinden, relativ kurz sind und nicht zu anerkannten Bildungsabschlüssen führen. Dazu gehören zum Beispiel Softwareschulungen, Sprachkurse, Präsentationstrainings und vieles mehr. Diese Kurse machen den Großteil der Lernaktivitäten von Erwerbstätigen aus. Während es mit Blick auf die deutlich seltener vorkommenden formalen Weiterbildungen (z.B. ein Meisterabschluss nach der Lehre) deutliche Hinweise auf Karriereverbesserungen gibt, sind die Befunde zum Thema non-formale Weiterbildung bis dato alles andere als eindeutig.

Als mögliche Karriereveränderungen durch non-formale Weiterbildung wurden Berufswechsel, Betriebswechsel, Auf- und Abstiege in der Einkommenshierarchie sowie Wechsel in Nichterwerbstätigkeit (u.a. Arbeitslosigkeit) untersucht. Für die empirischen Analysen wurden die Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) herangezogen. Das NEPS erfasst Bildungsprozesse, Kompetenzen und Bildungserträge über die gesamte Lebensspanne. Die hier analysierte Startkohorte 6 ist eine Stichprobe der Geburtsjahrgänge 1944–1986 in Deutschland. Die Autoren nutzen die sieben Panelwellen der Erhebung 2009–2016, da hier detaillierte Angaben zu non-formalen Kursen vorliegen.

Die Ergebnisse zeigen, dass berufliche Kurse und Lehrgänge kein Karrieresprungbrett darstellen. Vielmehr zeigte sich, dass Erwerbstätige die an diesen Weiterbildungen teilnehmen eher auf ihren Arbeitsplätzen verbleiben. Die Kursteilnahme stabilisiert also die Karriere. Das bedeutet, dass non-formale Weiterbildung einerseits die Funktion eines „Sicherheitsnetzes“ hat und dem Ausstieg aus Erwerbstätigkeit sowie beruflichen Abstiegen entgegenwirkt. Allerdings finden in Folge non-formaler Weiterbildung auch seltener Aufstiege, Betriebs- und Berufswechsel statt.

Juli, 2018

Seit der Jahrtausendwende wurden über 2.400 Genossenschaften neu gegründet, so dass heute fast 8.000 Unternehmen in der Rechtsform der Genossenschaften in Deutschland existieren. Trotzdem hat sich die Gesamtzahl der Genossenschaften seit 1970 nahezu halbiert, während sich gleichzeitig die Anzahl der Mitgliedschaften fast verdoppelt hat. Dieser Gesamtrückgang der Unternehmensanzahl trotz der vielen Neugründungen ist keineswegs Insolvenzen geschuldet – im Gegenteil gelten die Genossenschaften zu Recht als besonders insolvenzsicher. Insbesondere Fusionen im kreditgenossenschaftlichen Bereich haben vielfach zu vergleichsweise großen genossenschaftlichen Unternehmen geführt. Trotzdem gilt dort wie auch im gesamten Genossenschaftssektor weiterhin die regionale Verankerung und Nähe zu Mitgliedern und Kunden als Teil der Marke.

Die Neugründungen seit der Jahrtausendwende stärken den Genossenschaftssektor. Interessanterweise wählten weitaus die meisten Genossenschaftsgründer diese Rechtsform, um neue Geschäftsmodelle und -bereiche zu besetzen. Die traditionell mit Genossenschaften besetzten Wirtschaftszweige wie die Kreditwirtschaft, die Landwirtschaft, der Handel, das Handwerk oder das Wohnen spielen bei den Neugründungen eher eine untergeordnete Rolle. Die meisten Neugründungen sind bei den Energiegenossenschaften zu finden, aber auch Ärzte- und Sozialgenossenschaften sowie weitere gemeinwesenorientierte Genossenschaften stoßen in neue genossenschaftliche Geschäftsgebiete vor.

Dieser für Genossenschaften so bezeichnete Neugründungsboom war 2014 Anlass für eine Studie zu den Potenzialen und Hemmnissen der unternehmerischen Tätigkeit in der Rechtsform der Genossenschaft, die von den ISS-Forschern Johannes Blome Drees, Philipp Degens und Clemens Schimmele zusammen mit Mitarbeitern der Unternehmensberatung Kienbaum durchgeführt wurde. Zu prüfen war u.a., ob die 2006 durchgeführte Genossenschaftsrechtsnovelle, die viele Gründungserleichterungen für kleine Initiativen vorsieht, tatsächlich zur Gründung neuer Genossenschaften führte. Die Studie konnte belegen, dass die neuen Rechtsvorschriften nicht für alle kooperativ angelegten Projekte einen geeigneten Rechtsrahmen vorgeben. Im Ergebnis wurde das Genossenschaftsgesetz weiter novelliert.

Kennzeichen vieler Neugründungen ist häufig ein sehr hohes zivilgesellschaftliches Engagement der Mitglieder, um die Ziele ihres gemeinschaftlichen Projektes zu erreichen. Geschätzt wird an Genossenschaften ihre bedarfswirtschaftliche Ausrichtung – es wird nicht für einen anonymen Markt produziert, sondern orientiert am Bedarf der Mitglieder – sowie die personenbezogene Demokratie. Hinzu kommt die im Genossenschaftsmitglied angelegte Identität der Eigentümer mit den Kunden, Lieferanten oder im Fall der Produktivgenossenschaften mit den Arbeitnehmern. Damit entsprechen Genossenschaften in einem zentralen Aspekt dem, was heute unter Begriffen wie Prosuming, kollaborativer Konsum oder Ko-Produktion den Wandel der Verbraucherrolle kennzeichnet. Bewährte Beispiele für diese Phänomene findet man in der Tradition der Konsum- oder Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften, neu hinzu kommen Formen wie die Solidarische Landwirtschaft oder besondere Wohnprojekte, zum Teil mit Möglichkeiten des gemeinsamen Arbeitens. Digitale Plattformen in genossenschaftlicher Hand könnten dafür sorgen, dass die Erträge der Plattformbetreiber den Nutzern zugutekommen. Anders als bei den sich in den letzten Jahren etablierenden großen Plattformen des Teilen (Uber oder Airbnb) verbleiben bei genossenschaftlichen Unternehmen die Erträge im genossenschaftlichen Unternehmen oder werden an die Mitglieder und damit an die Nutzer ausgeschüttet.

 

Juni, 2018

Nicht erst in Zeiten der Flüchtlingskrise kommt dem Zugang zu Wohnungen eine wichtige Bedeutung für die Integration und Teilhabe von Einwanderern zu. Ethnische Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt ist daher eine bedeutsame Form der Benachteiligung. Sie lässt sich allerdings nur schwer nachweisen, da im Einzelfall viele vordergründige Aspekte für Mitbewerber ohne Migrationshintergrund sprechen können. Eine wichtige wissenschaftliche Methode zum Nachweis von Diskriminierung sind sog. Audit-Studien, in denen fiktive Bewerbungen, die sich nur im interessierenden Merkmal unterscheiden (z.B. ethnische Herkunft), auf dieselben Inserate abgegeben werden. Eine systematische Ungleichbehandlung je nach Merkmalsausprägung ist dann ein vergleichsweise starker Nachweis von Diskriminierung.

In einer kürzlich veröffentlichten Studie haben sich ISS-Forscher Clemens Kroneberg und seine Kollegen Andreas Horr (LIfBi, Bamberg) und Christian Hunkler (MEA, München) dieser Methode bedient und Testpersonen auf mehr als 800 Immobilieninserate im Raum Mannheim und Ludwigshafen anrufen lassen. Dabei ging es nicht nur um Existenz und Ausmaß von ethnischer Diskriminierung, sondern auch um die zu Grunde liegenden Mechanismen. Die Ergebnisse zeigen, dass Anrufer mit türkischem Namen dieselben Chancen auf einen Besichtigungstermin hatten wie Anrufer mit deutschem Namen – allerdings nur, wenn sie akzentfrei deutsch sprachen. Personen mit türkischem Namen und Akzent hatten dagegen eine um 14 Prozentpunkte geringere Erfolgsquote. Diese Benachteiligung bestand allerdings kaum noch, wenn die Testpersonen zu Beginn des Telefonats sagten, aus beruflichen Gründen in die Stadt zu ziehen. Theoretisch wirkt diese Information als Signal für die Bildung oder Berufstätigkeit eines Interessenten und damit letztlich für dessen Zahlungsfähigkeit. Ein Großteil der beobachteten Diskriminierung scheint somit nicht Ausdruck von Ausländerfeindlichkeit zu sein, sondern von Vorurteilen über die durchschnittliche Zahlungskräftigkeit unterschiedlicher ethnischer Gruppen (sog. statistische Diskriminierung). Da sich Zahlungsfähigkeit und Sicherheit von Mietzahlungen nicht direkt beobachten lassen, bilden Vermieter auf der Basis von beobachtbaren Merkmalen wie dem Akzent Erwartungen und engen das Bewerberfeld entsprechend ein. Dies ist theoretisch noch verstärkt zu erwarten, wenn sich Vermieter einem hohen Nachfrageüberschuss gegenübersehen, wie etwa in Köln oder München.