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Wussten Sie schon, dass...?

An dieser Stelle berichten Wissenschaftler des ISS regelmäßig über aktuelle Forschungsergebnisse.

September, 2018

Erwerbstätigen, die sich beruflich weiterentwickeln wollen, wird Weiterbildung oft als Karrieresprungbrett anempfohlen. Dies wird beispielsweise am Motto „Aufstieg durch Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung deutlich. Ob sich die individuelle Weiterbildungsteilnahme positiv auf die beruflichen Karrieren von Erwerbstätigen in Deutschland auswirkt, haben nun ISS-Forscher Christian Ebner und Martin Ehlert (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung) in einer Studie auf Grundlage aktueller und repräsentativer Längsschnittdaten untersucht.

Analysiert wurden die Auswirkungen sogenannter „non-formaler“ Weiterbildungsaktivitäten. Hierunter fallen die vielfältigen Kurse und Lehrgänge, die meist berufsbegleitend stattfinden, relativ kurz sind und nicht zu anerkannten Bildungsabschlüssen führen. Dazu gehören zum Beispiel Softwareschulungen, Sprachkurse, Präsentationstrainings und vieles mehr. Diese Kurse machen den Großteil der Lernaktivitäten von Erwerbstätigen aus. Während es mit Blick auf die deutlich seltener vorkommenden formalen Weiterbildungen (z.B. ein Meisterabschluss nach der Lehre) deutliche Hinweise auf Karriereverbesserungen gibt, sind die Befunde zum Thema non-formale Weiterbildung bis dato alles andere als eindeutig.

Als mögliche Karriereveränderungen durch non-formale Weiterbildung wurden Berufswechsel, Betriebswechsel, Auf- und Abstiege in der Einkommenshierarchie sowie Wechsel in Nichterwerbstätigkeit (u.a. Arbeitslosigkeit) untersucht. Für die empirischen Analysen wurden die Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) herangezogen. Das NEPS erfasst Bildungsprozesse, Kompetenzen und Bildungserträge über die gesamte Lebensspanne. Die hier analysierte Startkohorte 6 ist eine Stichprobe der Geburtsjahrgänge 1944–1986 in Deutschland. Die Autoren nutzen die sieben Panelwellen der Erhebung 2009–2016, da hier detaillierte Angaben zu non-formalen Kursen vorliegen.

Die Ergebnisse zeigen, dass berufliche Kurse und Lehrgänge kein Karrieresprungbrett darstellen. Vielmehr zeigte sich, dass Erwerbstätige die an diesen Weiterbildungen teilnehmen eher auf ihren Arbeitsplätzen verbleiben. Die Kursteilnahme stabilisiert also die Karriere. Das bedeutet, dass non-formale Weiterbildung einerseits die Funktion eines „Sicherheitsnetzes“ hat und dem Ausstieg aus Erwerbstätigkeit sowie beruflichen Abstiegen entgegenwirkt. Allerdings finden in Folge non-formaler Weiterbildung auch seltener Aufstiege, Betriebs- und Berufswechsel statt.

Juli, 2018

Seit der Jahrtausendwende wurden über 2.400 Genossenschaften neu gegründet, so dass heute fast 8.000 Unternehmen in der Rechtsform der Genossenschaften in Deutschland existieren. Trotzdem hat sich die Gesamtzahl der Genossenschaften seit 1970 nahezu halbiert, während sich gleichzeitig die Anzahl der Mitgliedschaften fast verdoppelt hat. Dieser Gesamtrückgang der Unternehmensanzahl trotz der vielen Neugründungen ist keineswegs Insolvenzen geschuldet – im Gegenteil gelten die Genossenschaften zu Recht als besonders insolvenzsicher. Insbesondere Fusionen im kreditgenossenschaftlichen Bereich haben vielfach zu vergleichsweise großen genossenschaftlichen Unternehmen geführt. Trotzdem gilt dort wie auch im gesamten Genossenschaftssektor weiterhin die regionale Verankerung und Nähe zu Mitgliedern und Kunden als Teil der Marke.

Die Neugründungen seit der Jahrtausendwende stärken den Genossenschaftssektor. Interessanterweise wählten weitaus die meisten Genossenschaftsgründer diese Rechtsform, um neue Geschäftsmodelle und -bereiche zu besetzen. Die traditionell mit Genossenschaften besetzten Wirtschaftszweige wie die Kreditwirtschaft, die Landwirtschaft, der Handel, das Handwerk oder das Wohnen spielen bei den Neugründungen eher eine untergeordnete Rolle. Die meisten Neugründungen sind bei den Energiegenossenschaften zu finden, aber auch Ärzte- und Sozialgenossenschaften sowie weitere gemeinwesenorientierte Genossenschaften stoßen in neue genossenschaftliche Geschäftsgebiete vor.

Dieser für Genossenschaften so bezeichnete Neugründungsboom war 2014 Anlass für eine Studie zu den Potenzialen und Hemmnissen der unternehmerischen Tätigkeit in der Rechtsform der Genossenschaft, die von den ISS-Forschern Johannes Blome Drees, Philipp Degens und Clemens Schimmele zusammen mit Mitarbeitern der Unternehmensberatung Kienbaum durchgeführt wurde. Zu prüfen war u.a., ob die 2006 durchgeführte Genossenschaftsrechtsnovelle, die viele Gründungserleichterungen für kleine Initiativen vorsieht, tatsächlich zur Gründung neuer Genossenschaften führte. Die Studie konnte belegen, dass die neuen Rechtsvorschriften nicht für alle kooperativ angelegten Projekte einen geeigneten Rechtsrahmen vorgeben. Im Ergebnis wurde das Genossenschaftsgesetz weiter novelliert.

Kennzeichen vieler Neugründungen ist häufig ein sehr hohes zivilgesellschaftliches Engagement der Mitglieder, um die Ziele ihres gemeinschaftlichen Projektes zu erreichen. Geschätzt wird an Genossenschaften ihre bedarfswirtschaftliche Ausrichtung – es wird nicht für einen anonymen Markt produziert, sondern orientiert am Bedarf der Mitglieder – sowie die personenbezogene Demokratie. Hinzu kommt die im Genossenschaftsmitglied angelegte Identität der Eigentümer mit den Kunden, Lieferanten oder im Fall der Produktivgenossenschaften mit den Arbeitnehmern. Damit entsprechen Genossenschaften in einem zentralen Aspekt dem, was heute unter Begriffen wie Prosuming, kollaborativer Konsum oder Ko-Produktion den Wandel der Verbraucherrolle kennzeichnet. Bewährte Beispiele für diese Phänomene findet man in der Tradition der Konsum- oder Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften, neu hinzu kommen Formen wie die Solidarische Landwirtschaft oder besondere Wohnprojekte, zum Teil mit Möglichkeiten des gemeinsamen Arbeitens. Digitale Plattformen in genossenschaftlicher Hand könnten dafür sorgen, dass die Erträge der Plattformbetreiber den Nutzern zugutekommen. Anders als bei den sich in den letzten Jahren etablierenden großen Plattformen des Teilen (Uber oder Airbnb) verbleiben bei genossenschaftlichen Unternehmen die Erträge im genossenschaftlichen Unternehmen oder werden an die Mitglieder und damit an die Nutzer ausgeschüttet.

 

 

Juni, 2018

Nicht erst in Zeiten der Flüchtlingskrise kommt dem Zugang zu Wohnungen eine wichtige Bedeutung für die Integration und Teilhabe von Einwanderern zu. Ethnische Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt ist daher eine bedeutsame Form der Benachteiligung. Sie lässt sich allerdings nur schwer nachweisen, da im Einzelfall viele vordergründige Aspekte für Mitbewerber ohne Migrationshintergrund sprechen können. Eine wichtige wissenschaftliche Methode zum Nachweis von Diskriminierung sind sog. Audit-Studien, in denen fiktive Bewerbungen, die sich nur im interessierenden Merkmal unterscheiden (z.B. ethnische Herkunft), auf dieselben Inserate abgegeben werden. Eine systematische Ungleichbehandlung je nach Merkmalsausprägung ist dann ein vergleichsweise starker Nachweis von Diskriminierung.

In einer kürzlich veröffentlichten Studie haben sich ISS-Forscher Clemens Kroneberg und seine Kollegen Andreas Horr (LIfBi, Bamberg) und Christian Hunkler (MEA, München) dieser Methode bedient und Testpersonen auf mehr als 800 Immobilieninserate im Raum Mannheim und Ludwigshafen anrufen lassen. Dabei ging es nicht nur um Existenz und Ausmaß von ethnischer Diskriminierung, sondern auch um die zu Grunde liegenden Mechanismen. Die Ergebnisse zeigen, dass Anrufer mit türkischem Namen dieselben Chancen auf einen Besichtigungstermin hatten wie Anrufer mit deutschem Namen – allerdings nur, wenn sie akzentfrei deutsch sprachen. Personen mit türkischem Namen und Akzent hatten dagegen eine um 14 Prozentpunkte geringere Erfolgsquote. Diese Benachteiligung bestand allerdings kaum noch, wenn die Testpersonen zu Beginn des Telefonats sagten, aus beruflichen Gründen in die Stadt zu ziehen. Theoretisch wirkt diese Information als Signal für die Bildung oder Berufstätigkeit eines Interessenten und damit letztlich für dessen Zahlungsfähigkeit. Ein Großteil der beobachteten Diskriminierung scheint somit nicht Ausdruck von Ausländerfeindlichkeit zu sein, sondern von Vorurteilen über die durchschnittliche Zahlungskräftigkeit unterschiedlicher ethnischer Gruppen (sog. statistische Diskriminierung). Da sich Zahlungsfähigkeit und Sicherheit von Mietzahlungen nicht direkt beobachten lassen, bilden Vermieter auf der Basis von beobachtbaren Merkmalen wie dem Akzent Erwartungen und engen das Bewerberfeld entsprechend ein. Dies ist theoretisch noch verstärkt zu erwarten, wenn sich Vermieter einem hohen Nachfrageüberschuss gegenübersehen, wie etwa in Köln oder München.

Mai, 2018

Die letzte Wirtschaftskrise der Jahre 2007/2008 hat junge Menschen durch Arbeitsmarktunsicherheit und hohe Arbeitslosigkeitsraten in vielen Ländern schwer getroffen. Dies hat zu der Sorge beigetragen, dass eine „verlorene Generation“ von jungen Menschen dauerhaft benachteiligt sein könnte. Insbesondere besteht die Sorge, dass vor allem junge Menschen beim Übergang von der Ausbildung in die Erwerbstätigkeit von hoher Arbeitslosigkeit in ihrer Umgebung betroffen und langfristige eine schlechtere Gesundheit haben könnten.

Philipp Lersch, Marita Jacob und Karsten Hank vom ISS haben in einer kürzlich veröffentlichten Studie untersucht, ob diese Sorge berechtigt ist. Für ihre Untersuchung haben sie Daten aus dem Sozio-ökonomischen Panel (SOEP), in dem Befragte wiederholt für viele Jahre an Interviews teilnehmen, genutzt. Die Autoren untersuchten, wie die regionale Variation in der Arbeitslosigkeit auf Ebene der Bundesländer zum Zeitpunkt des Bildungsabschlusses zwischen den Jahren 1992 bis 2015 in Westdeutschland auf die subjektive Gesundheitseinschätzung von Individuen wirkt. Individuen wurden dabei bis zum Alter 49 verfolgt.

Erstens zeigte sich in der Analyse, dass junge Menschen die ihre Bildung in Bundesländern mit hoher Arbeitslosigkeit abschließen ihre Gesundheit zunächst als besser einschätzen als junge Menschen in Bundesländern mit niedriger Arbeitslosigkeit. Dieses zunächst unerwartete Ergebnis wurde zuvor schon in anderen Ländern gefunden. Eine mögliche Erklärung hierfür ist, dass wirtschaftlicher Abschwung zu weniger Verkehrsunfällen, weniger Umweltbelastung und weniger Arbeitsstress führen kann. Zweitens zeigte sich, dass junge Menschen, die selber nach ihrem Bildungsabschluss arbeitslos sind, ihre Gesundheit schlechter einschätzten unabhängig davon, wie hoch die Arbeitslosigkeit in Ihrem Bundesland ist. Diese schlechtere Gesundheitseinschätzung hält auch mit fortschreitendem Alter an. Schließlich fanden die Autoren, dass junge Menschen, die selber arbeitslos sind und zugleich in einem Bundesland mit hoher Arbeitslosigkeit leben, besonders benachteiligt sind. Ihre Gesundheit verschlechtert sich stärker mit fortschreitendem Alter als dies für Menschen, die in Bundesländern mit niedriger Arbeitslosigkeit selber arbeitslos sind, beobachtet wird.

Insgesamt zeigt sich also, dass junge Menschen, wenn sie ihre Bildung in Umgebungen abschließen, in denen viele Menschen arbeitslos sind, wie dies in vielen Ländern bei der letzten Wirtschaftskrise der Fall war, vor allem in Kombination mit einer eigenen Arbeitslosigkeit auf längere Sicht unter schlechterer Gesundheit leiden.

April, 2018

Potentielle Nutzen und Risiken mütterlicher Erwerbstätigkeit für die Entwicklung von Kindern sind Gegenstand hitziger Diskussionen in Wissenschaft und Öffentlichkeit. Einerseits kann zusätzliches Einkommen die kindliche Entwicklung fördern. Auf der anderen Seite könnten Quantität und Qualität wichtiger Eltern-Kind-Interaktionen leiden. In einer neuen Studie kommen ISS-Forscher Michael Kühhirt und Markus Klein von der University of Strathclyde zu dem Ergebnis, dass Kinder mit vergleichbarem familiärem Hintergrund kaum Unterschiede in Vokabular und kognitiven Fähigkeiten aufweisen, auch wenn sich das Erwerbsverhalten ihrer Mütter in den ersten fünf Lebensjahren sehr stark unterscheidet. Überzogene Erwartungen und Ängste bezüglich der Folgen mütterlicher Erwerbstätigkeit scheinen damit gleichermaßen unbegründet, zumindest was den Spracherwerb und grundlegende kognitive Fähigkeiten anbelangt.

Diese Befunde basieren auf 2,200 teilnehmenden Familien der Befragung “Growing Up in Scotland”, die Kinder vom 10. Lebensmonat bis zum 5. Geburtstag begleitet. Als Maß für das Vokabular im Alter von fünf Jahren mussten die Kinder verschiedene Objekte aus einem Bilderbuch korrekt benennen. Die kognitiven Fähigkeiten wurden über das Finden von konzeptionellen Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Bildern gemessen. Die Erwerbsgeschichte von Müttern und andere wichtige Informationen wurden über einen standardisierten Fragebogen erhoben, der jährlich vorgelegt wurde.

Der Beitrag der Studie liegt darin, dass ganze Verläufe mütterlicher Erwerbstätigkeit berücksichtigt wurden. Dies ist bedeutsam, da ein möglicher Einfluss mütterlicher Erwerbstätigkeit auf die kindliche Entwicklung erst über einen längeren Zeitraum hinweg zur Entfaltung kommt. Allerdings zeigt sich, dass Unterschiede in Vokabular und kognitiven Fähigkeiten wohl eher auf Unterschieden in Faktoren wie mütterlicher Bildung und Familienstruktur zurückgehen, die ihrerseits das Erwerbsverhalten beeinflussen. Während der Nutzen mütterlicher Erwerbstätigkeit für die kindliche Entwicklung begrenzt scheint, hat die Studie auch keine Hinweise auf negative Folgen geliefert, ein wichtiger Befund in Anbetracht der universellen Bestrebungen die Erwerbsbeteiligung von Müttern zu erhöhen. 

März, 2018

Die Wirtschaftspsychologie erforscht psychologische Mechanismen, die dem wirtschaftlichen Verhalten von Konsumenten und Haushalten zugrunde liegen. Bislang haben zahlreiche Studien gezeigt, dass der Zahlungsmodus (z.B. Bargeld vs. Kreditkarte) das Konsumentenverhalten beeinflusst – etwa in Bezug darauf, wie viel Personen ausgeben und was sie kaufen. Trotz der fortschreitenden Verbreitung von neuen Zahlungstechnologien ist wenig über die Nuancen digitaler Zahlungsmodi und deren Eigenschaften bekannt.

Die ISS-Forscher Rufina Gafeeva und Erik Hölzl sowie Holger Roschk von der Alpen-Adria Universität Klagenfurt haben in einer aktuellen Studie untersucht, wie sich der Wandel der Bezahlmethoden auf die Konsumenten auswirkt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Erinnerungsgenauigkeit an den bezahlten Betrag danach unterscheidet, mit welchem Mittel man bezahlt: bar, mit Prepaidkarte oder mit multifunktioneller Karte.

Die Datenerhebung erfolgte zu zwei verschiedenen Zeitpunkten in Cafeterias einer deutschen Universität – sowohl vor als auch nach der Einführung einer multifunktionellen Karte, die neben einer Zahlungsfunktion auch Fahrausweis, Identifizierung und andere Informationsfunktionen bietet. Kurz nach dem Bezahlen wurden insgesamt 496 Studierende gebeten, den Betrag und den Zahlungsmodus zu nennen sowie weitere Kontrollfragen zu beantworten. Die Erinnerungsgenauigkeit an den bezahlten Betrag war sowohl bei Prepaidkarten als auch bei Multifunktionskarten geringer als bei Barzahlungen. Zwischen der Prepaidkarte und der multifunktionellen Karte konnte kein signifikanter Unterschied aufgezeigt werden, vielmehr spielten die individuellen Verwendungsmuster eine entscheidende Rolle: Wer öfter die Nicht-Bezahlfunktionen solcher Karten nutzte, erinnerte sich schlechter.

Die Ergebnisse sind relevant für das finanzielle Wohlbefinden von Konsumenten, denn eine genaue Erinnerung an vergangene Ausgaben wirkt sich auf die Bereitschaft aus, zukünftige Ausgaben zu tätigen. Daher könnten Designs, die die Bezahlfunktion von anderen Funktionen trennen oder die Geldausgabe visualisieren (etwa durch sofortige Bezahlinformationen oder Zusammenfassungen), ein stärkeres Bewusstsein für Ausgaben bei Konsumenten fördern.

Februar, 2018

Häufig wissen Menschen schon nach kurzer Zeit, ob (und wie sehr) sie sich romantisch oder sexuell zu einer anderen Person hingezogen fühlen. Dabei sind sie sich jedoch keineswegs bewusst darüber, welche herausragende kognitive Leistung es erfordert, die vielen unterschiedlichen Eigenschaften möglicher Partner integrativ zu betrachten und zu einem ganzheitlichen Urteil zusammenzufügen, welches zudem in unterschiedlichen Kontexten der Partnersuche – für eine Nacht oder für das ganze Leben – sehr unterschiedlich ausfallen kann. In bisherigen Studien wurde hauptsächlich die Attraktivität jeweils einzelner körperlicher oder charakterlicher Eigenschaften auf die Probe gestellt, während es weitestgehend unerforscht blieb, auf welche Weise solche unterschiedlichen Eigenschaften in spezifischen Kontexten interagieren.

Die ISS-Forscher Daniel Ehlebracht und Detlef Fetchenhauer widmeten sich gemeinsam mit Olga Stavrova von der Universität Tilburg und Daniel Farrelly von der Universität Worcester genau dieser Frage. Speziell wurde untersucht, ob Prosozialität und körperliche Attraktivität sich unter bestimmten Umständen gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken können. In zwei Studien wurden Kölner Studierenden kurze Videos von niederländischen Studierenden vorgeführt, deren Attraktivität sie entweder für eine Kurzzeit- oder Langzeit-Beziehung bewerten sollten. Hierbei erhielten die Beurteiler für jede der gezeigten Personen eine randomisierte Information, wie sich die Person in einem ökonomischen Spiel verhalten habe, bei welchem sie ihren Altruismus oder ihre Vertrauenswürdigkeit unter Beweis stellen konnte. Es zeigte sich erwartungsgemäß, dass körperliche Attraktivität im kurzfristigen Kontext einen stärkeren Einfluss auf die Gesamtbewertung hatte als im langfristigen Kontext, während Prosozialität im langfristigen Kontext eine größere Rolle spielte als im kurzfristigen Kontext. Darüber hinaus zeigte sich, dass Männer ihre Präferenzen spezifischer auf den zeitlichen Kontext der Partnerwahl ausrichteten als Frauen, dass sich also der relative Einfluss von körperlicher Attraktivität und Vertrauenswürdigkeit auf die Gesamtbewertung stärker zwischen den beiden Kontexten unterschied als dies bei weiblichen Beurteilern der Fall war. Zudem konnte im langfristigen Partnerwahl-Kontext in beiden Studien beobachtet werden, dass körperliche Attraktivität und Prosozialität sich in ihrer Wirkung auf die Gesamtbewertung gegenseitig verstärkten, wenn sie gemeinsam auftraten. Dies deutet darauf hin, dass ein guter Charakter tatsächlich die Attraktivität als Langzeitpartner signifikant steigern kann – in besonderem Maße jedoch bei Menschen, die ohnehin schon körperlich attraktiv sind.

Januar, 2018

Die Soziologie befasst sich seit langem mit der Vererbung sozialer Ungleichheiten (z.B. Bildungschancen) von einer Generation zur nächsten. Ebenso konnte die demographische Forschung zeigen, dass sich z.B. das Geburtenverhalten oder Scheidungsrisiken der Elterngeneration auf entsprechende Verhaltensweisen der Kinder auswirkt. Bislang kaum untersucht wurde jedoch die für die Familienforschung relevante Frage, inwieweit auch die Qualität von Eltern-Kind-Beziehungen „vererbt“ wird.

Diesem Thema ist ISS-Forscher Karsten Hank zusammen mit Veronika Salzburger und Merril Silverstein in einer Untersuchung auf Basis des Beziehungs- und Familienentwicklungspanels pairfam nachgegangen. Die Autoren nutzten dabei das so genannte Multi-Aktor-Design des pairfam, das es erlaubt, Informationen über drei Generationen in einer Familie auszuwerten: die jüngste Generation von Kindern, die zum Befragungszeitpunkt 16-18 Jahre alt waren, berichtet hier über die Beziehungsqualität zur mittleren Generation, und diese gibt Auskunft über die Qualität ihrer Beziehung zur ältesten Generation. Konkret wurden drei Dimensionen der Beziehungsqualität betrachtet: die emotionale Nähe, die Konflikthäufigkeit, und die Ambivalenz (also die Gleichzeitigkeit von Nähe und Konflikten).

Die Studie zeigt, dass wenn größere emotionale Nähe, häufigere Konflikte und ein höheres Maß an Ambivalenz zwischen Eltern und Kindern in der älteren Generation beobachtet werden, sich dieses Muster in der gleichen Familie überzufällig häufig auch in den Eltern-Kind-Beziehungen der jüngeren Generation findet. Diesen Befund interpretieren die Autoren als Hinweis darauf, dass sich die Beziehungsqualität über Generationen hinweg „vererbt“. Weiterführende Analysen, die nach dem Geschlecht der Familienmitglieder differenzieren, deuten darauf hin, dass diese Art der intergenerationalen Transmission insbesondere von Großvätern ausgeht.

Während die geschlechtsspezifischen Befunde einer weiteren Klärung bedürfen, zeigt die Studie insgesamt, dass für ein umfassendes Verständnis von Eltern-Kind-Beziehungen eine Perspektive wichtig ist, die Familien als multigenerationale Systeme begreift.

Dezember, 2017

Vor dem Hintergrund steigender Lebenserwartung gewinnt die Frage, welche Faktoren den Erhalt kognitiver Fähigkeiten bis ins hohe Alter vorhersagen, zunehmend an Bedeutung. Zu den kognitiven Fähigkeiten zählen beispielsweise das Erinnerungsvermögen, das logische Denken und die Geschwindigkeit, mit der Informationen verarbeitet werden können. Als förderlich für den Erhalt dieser Fähigkeiten gelten gemeinhin körperliche Betätigung sowie soziale und intellektuelle Aktivitäten. Außerdem wird spekuliert, dass die Möglichkeiten zur Ausübung dieser Aktivitäten auch von der Wohngegend mitbestimmt werden.

Aus diesem Grund untersuchten die ISS-Wissenschaftler Jonathan Wörn und Lea Ellwardt gemeinsam mit Kollegen aus Amsterdam und Oslo, inwiefern der sozioökonomische Status und der Grad der Verstädterung einer Wohngegend in Zusammenhang mit den kognitiven Fähigkeiten ihrer älteren Einwohner stehen.

Hierzu nutzen die Wissenschaftler Informationen zum durchschnittlichen Einkommen und zur Dichte der Wohn- und Geschäftsadressen 63 niederländischer Wohngegenden. Diese verknüpften sie mit Daten von 985 Bewohnern dieser Wohngegenden, die an der Longitudinal Aging Study Amsterdam (LASA) teilnahmen, um zu analysieren, wie sich verschiedene kognitive Fähigkeiten von 65- bis 88-jährigen Personen innerhalb eines Zeitraums von sechs Jahren entwickelten.

Den Ergebnissen der Studie zufolge waren zwei der vier untersuchten kognitiven Fähigkeiten bei älteren Bewohnern von Wohngegenden mit einem höheren Durchschnittseinkommen besser ausgeprägt. Die Unterschiede zwischen den Wohngegenden wurden jedoch nicht durch die Wohngegenden verursacht, sondern konnten durch die höhere Bildung und das höhere individuelle Einkommen dieser Personen erklärt werden. Diese beiden Faktoren stehen zum einen in positivem Zusammenhang mit den kognitiven Fähigkeiten und erhöhen zum anderen die Wahrscheinlichkeit, in einer Wohngegend mit höherem Durchschnittseinkommen zu leben.

Außerdem hatten ältere Personen in stärker verstädterten Wohngegenden bessere kognitive Fähigkeiten. Diesen Befund erklärten die Wissenschaftler damit, dass die alltäglichen Anforderungen in stärker verstädterten Wohngegenden ein alltägliches kognitives Training darstellen, beispielsweise durch die Vielzahl an Informationen, die bei der Teilnahme am geschäftigen Straßenverkehr verarbeitet werden müssen. Allerdings könne dieser Effekt in sehr stark verstädterten Wohngegenden auch ins Gegenteil umschlagen und durch Überforderung zu schlechteren kognitiven Fähigkeiten führen.
Da die Abnahme kognitiver Fähigkeiten im beobachteten Zeitraum unabhängig von den untersuchten Eigenschaften der Wohngegend war, müssen die Unterschiede zwischen Personen in stärker und weniger stark verstädterten Gegenden nach Ansicht der Wissenschaftler bereits in früheren Lebensjahren zustande gekommen sein.

Insgesamt waren die beobachteten Unterschiede zwischen den Wohngegenden relativ gering. Dementsprechend empfehlen die Wissenschaftler, dass sich eventuelle Maßnahmen zum Erhalt kognitiver Fähigkeiten an den Bedürfnissen von Individuen orientieren sollten.

November, 2017

Gibt es eine allgemeine abschreckende Wirkung von Strafe, die junge Menschen von strafbaren Handlungen abhält? Bisherige Untersuchen scheinen dies zumindest teilweise für die Bestrafungswahrscheinlichkeit nachzuweisen, also für das von jungen Menschen wahrgenommene Risiko für eine strafbare Handlung sanktioniert zu werden. Sozialwissenschaftler erklären dies (vereinfacht) mit einem Abwägungsprozess, der die Eintrittswahrscheinlichkeit und Intensität möglicher Handlungskonsequenzen (als Kosten) sowie den durch die strafbare Handlung erlangten Vorteil (als Nutzen) berücksichtigt. Übersteigen die Kosten den Nutzen, so werden sich junge Menschen gegen die strafbare Handlung entscheiden. Demnach kann eine Erhöhung des wahrgenommenen Entdeckungs- oder Bestrafungsrisikos eine abschreckende Wirkung auf das Verhalten haben. Es ist aber noch ein umgekehrtes Phänomen beobachtbar: in der Folge der Ausübung strafbarer Handlungen lernen junge Menschen wie hoch das Risiko für eine Entdeckung oder Bestrafung tatsächlich ist. Persönliche Erfahrungen mit Kriminalität führen also zu einer realistischeren Risikoeinschätzung. Überwiegt nun aber der Abschreckungs- oder der Erfahrungseffekt?

ISS Forscher Daniel Seddig und seine Kollegen Helmut Hirtenlehner (Universität Linz) und Jost Reinecke (Universität Bielefeld) untersuchten diese Frage in einer Studie mit 1950 befragten Jugendlichen aus Duisburg. Dazu wurden dieselben Jugendlichen über mehrere Jahre hinweg zu denselben Themen befragt (Panelstudie). Die Ergebnisse der statistischen Analysen deuten auf die Dominanz von Erfahrungseffekten hin. Eine systematische Abschreckungswirkung von wahrgenommenen Sanktionierungsrisiken konnte nicht nachgewiesen werden.

Da einfache (strafbare) Handlungen sehr oft automatisch und spontan erfolgen, sollten die Erwartungen an die Wirkung von (gerichtlichen) Sanktionsandrohungen daher nicht überhöht werden. Die Studie konnte allerdings nicht ausschließen, dass unter Umständen nicht doch (kleine) Subgruppen von Menschen auf Strafdrohungen ansprechen.