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Die Sozialräumliche Integration von Flüchtlingen

Die Kölner Flüchtlings-Studien

Die steigende Zahl von Flüchtlingen, die in Europa Asyl suchen, hat die Länder und Kommunen in Europa vor die Herausforderungen gestellt zunächst Unterkünfte zu suchen, aber dann auch eine soziale Integration zu ermöglichen. Die Reaktionen der europäischen Länder waren sehr unterschiedlich. Zwei Länder erscheinen besonders wichtig: Schweden und Deutschland. Schweden hat bezogen auf die Einwohnerzahl die meisten Flüchtlinge aufgenommen, Deutschland in absoluten Zahlen.

Probleme

Diese Zuwanderung hat für die Kommunen zahlreiche neue Probleme verursacht. Es mussten zuerst Unterkünfte geschaffen werden, oft waren es Turnhallen von Schulen, ehemalige Baumärkte oder Einkaufszentren. Die Unterkünfte wurden über die gesamten Stadtgebiete verteilt – ungeachtet des sozialen Status der Bewohner/innen und der Größe der Einrichtung. Das hat zu Protesten von Anwohner/innen oder gar Klagen vor Gericht geführt. Eine niederländische Studie hat gezeigt, dass Anwohner/innen gegen große Einrichtungen von 500 Flüchtlingen sind und kleine Einrichtungen mit 100 Flüchtlingen eher akzeptieren (Lubbers et al. 2006). 

Die Flüchtlinge unterzubringen ist jedoch nur die erste Aufgabe einer Vielzahl Weiterer. Um die Flüchtlinge, wenn ihnen Asyl gewährt wurde, zu integrieren, müssen bessere Wohnbedingungen und schließlich Wohnungen bereitgestellt werden. Ferner benötigen sie Sprachkurse, Klassen für Flüchtlingskinder („Integrations-Vorbereitungs-Klassen“), die Feststellung ihrer beruflichen Qualifikationen und Kurse zur beruflichen Weiterbildung. 

Unsere Studie richtet sich auf diese Phasen des Integrationsprozesses. Unter anderem wollen wir folgende Fragen beantworten:

  1. Welche Verwaltungsstrukturen entstanden in den Städten, um die Flüchtlinge zu integrieren?
  2. Wie reagieren die Anwohner/innen von Flüchtlingsunterkünften auf die Unterkunft? Wie unterscheiden sich die Einstellungen nach dem Geschlecht, Alter, Bildungsgrad, Einkommen und Nationalität?
  3. Werden die Flüchtlinge als ökonomische und kulturelle Bedrohung angesehen?
  4. In welchem Ausmaß hängen die Einstellungen zu Muslimen (dem Islam) mit denen zu Flüchtlingen (unter ihnen viele Muslime) zusammen?
  5. Führen Kontakte zu Flüchtlingen zu geringeren Vorurteilen?
  6. Gibt es erfolgreiche und weniger erfolgreiche „Integrationskarrieren“? Welchen Anteil daran haben die jeweiligen kommunalen Bedingungen und Regelungen?

Theorie

Ein zentrales Problem der Studien ist es, eine angemessene theoretische Basis zu finden. Können wir Theorien der Integration von Migrant/innen, z.B. der Gastarbeiter oder Spätaussiedler, auf Flüchtlinge, die politisches Asyl beantragen, übertragen? Frühere Migrant/innen sind freiwillig gekommen und haben zum Teil auch finanzielle Unterstützung erhalten. Im Gegensatz dazu kommen die Flüchtlinge, weil in ihrem Heimatland Bürgerkrieg herrscht oder sie politisch verfolgt werden. Sie müssen bis zur Entscheidung über ihren Antrag auf Asyl in der entsprechenden Stadt bleiben, haben nicht alle einen Anspruch auf einen Deutschkurs und eine berufliche Weiterqualifikation. In dieser Zeit, die oft bis zu 15 Monate dauert, sind die Flüchtlinge fast vollständig auf staatliche Hilfen angewiesen, ergänzt um Hilfen durch freiwillige Organisationen und deren ehrenamtliche Mitarbeiter/innen. Diese Bedingungen sind andere als die für Migrant/innen, weshalb es schwierig ist, Hypothesen der Integration von Migrant/innen direkt auf die Integration von Flüchtlingen anzuwenden. Dennoch bieten sie eine solide Grundlage. 

Für unsere Studien ziehen wir die vier Dimensionen der Integration von Esser (1980, 2000, 2009) heran, sodann die Theorie der „segmented assimilation“ (Portes und Rumbaut 2001, Portes und Zhou 1993, Zhou 1997). Um die Einstellungen zu Flüchtlingsunterkünften und zu Flüchtlingen zu analysieren, verwenden wir Hypothesen der Theorie der ethnischen Bedrohung von Blalock (1967, 1982) sowie der Konflikt- und Kontakt-Theorie (Allport 1954, 1971, Blumer 1958, Pettigrew 1998, Pettigrew und Tropp 2006, 2011, Quillian 1995).

Forschungsdesign

Um den komplexen Prozess und die damit verbundenen Probleme zu untersuchen, umfasst die Studie drei Module:

Erstens eine standardisierte Befragung der Anwohner/innen im Wohngebiet der Unterkunft. Die erste Welle erfolgt durch face-to-face Interviews, die zweite durch eine schriftliche Befragung.

Zweitens eine Leitfaden-gestützte Befragung von Expert/innen, u.a. in der öffentlichen Verwaltung, der Handelskammer, Wohnungsbaugesellschaften, Jobcenter und Freiwilligenorganisationen.

Drittens eine halbstandardisierte Befragung von Flüchtlingen in den jeweiligen Unterkünften. Diese befragten Flüchtlinge wollen wir über einen Zeitraum von 18 Monaten durch wiederholte Befragungen begleiten. 

Wir untersuchen je zwei Wohngebiete unterschiedlichen sozialen Status in Hamburg (Harvestehude und Bergedorf), Köln (Ostheim und Rondorf) und Mülheim an der Ruhr (Mitte und Saarn). Die Studien laufen von März 2016 bis Oktober 2018. Sie werden von der Fritz-Thyssen-Stiftung, der Kurt-Körber-Stiftung und dem Forschungsinstitut für Gesellschaftliche Weiterentwicklung (FGW) des Landes NRW finanziert.

Status

Berichte zu den Expert/innen-Interviews sowie zur Anwohner/innen-Befragung in Hamburg-Harvestehude liegen bereits vor (siehe Publikationen). An den anderen Standorten befinden wir uns noch in der Feldphase.

Team

Prof. Dr. Jürgen Friedrichs, Felix Leßke, M.A, Vera Schwarzenberg, M.A.

Universität zu Köln, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie,

Greinstr. 2, 02221 470-5658.

Kontakt: Prof. Dr. Jürgen Friedrichs, friedrichs@wiso.uni-koeln.de und (0221) 470-2409.